Archive for February, 2010

“Alles ist Scheiße”

February 14th, 2010

Bei Jason Kottke, einem der prominetesten amerikanischen Blogger, habe ich einen Beitrag mit der großartigen Überschrift “Everything sucks and we’re all bitter” gefunden. Dort zitiert er zunächst Mark Morford, einen Kolumnisten bei SFGate, dem Online-Ableger des San Francisco Chronicle, aus dessen Artikel “Why are you so terribly disappointing?“:

Morford beschreibt ironisch, fast schon sarkastisch, wie miserabel alles ist und dass wir genau dies den lieben langen Tag erwarten und runterbeten: Nichts funktioniert; man hat nichts Schickes anzuziehen; der Verkehr ist ein Graus; der Klimawandel immer noch nicht da; soll das wirklich schon alles sein?; Sex ist frustrierend; der Computer lahm; meine Partei hat versagt; und dann dieses bescheuerte Wetter! Alles ist enttäuschend, und wir nutzen jede Gelegenheit, dies rauszuzlassen. Man muss nur in die Blogkommentare, Zeitungsartikel, Leserbriefe schauen, um zu sehen, wie gehässig wir geworden sind. Wir sind in Enttäuschung erstarrt. Sie lässt uns nichts Anderes mehr als Mängel überall sehen, vergiftet unser Herz und zieht uns immer weiter runter. Das hat Morford schön launisch beschrieben (der Artikel erschien auch bei der Huffington Post).

Ein weiterer Link aus Kottkes Blogposting geht in die gleiche Richtung: Der amerikanische Comedian Louis CK nimmt in der Talkshow von Conan O’Brien unsere überzogenen Erwartungen und unsere Dauernörgeleien bezüglich Technik auf die Schippe. “Was? Dein Flug hat unendliche fünf Stunden gedauert? Mann! Früher hättest du für diese Reise 30 Jahre gebraucht.” Es gibt ein Zuviel an negativer Einstellung, und wir sollten in Vielem, über das wir urteilen, sowohl realistischer als auch leichter werden, um uns selbst und unseren Mitmenschen nicht in banalen Alltagsdingen die Hölle heiß zu machen.

Glücklich mit Philosophie – Alain de Botton

February 11th, 2010

Alain de Botton ist der publizistische “Hans Dampf in allen Gassen” unter den Philosophen. In Büchern, Vorträgen und Filmen bringt er umfangreiche und schwierige philosophische Themen allgemeinverständlich auf den Punkt. In Bestsellern wie “Wie Proust Ihr Leben verändern kann” oder “Trost der Philosophie” zeigt er auf leichte und amüsante Weise, wie selbst schwer verständliche Werke verschrobener Philosophen ausgesprochen menschlich und alltagspraktisch verstanden werden können.

.

Aus seiner Fernsehserie “Philosophy: A Guide to Happiness” hier das Video zum Thema “Epikur über das Glück” (auf Englisch).

Alle sechs Teile der Serie findet man bei Interesse auf dieser Seite.

Das Leben vereinfachen – und heiter bleiben!

February 11th, 2010

Kaum habe ich von den Segnungen, das Leben zu vereinfachen, geschrieben, finde ich eine Satire auf die “Simplify”-Listen. Die Liste bei Kung Fu Grippe ist herrlich unsinnig (“1. Remove your doors”, “13. Just stare more”, “14. Fourteen”, “37. More crying but quieter” usw.), und von daher hervorragend geeignet, die Dinge des Lebens heiterer zu sehen. In der Tat – man muss die Verbissenheit aus dem Gesicht kriegen, auch bei guten Vorsätzen. Ein bisschen humorvoller Abstand tut da sehr gut.

Stress lass nach! Das Leben vereinfachen

February 7th, 2010

Als “Digital Native”, der beinahe täglich eine Flut von Informationen aus dem Internet aufnimmt und verarbeitet, der immer mehrere Projekte gleichzeitig bearbeitet und im sogenannten richtigen Leben (ich trenne die “virtuelle” und die “reale” Arbeit schon lange nicht mehr; das tut ein Journalist, ein Lokführer oder ein Kundenberater ja auch nicht) – also der auch im privaten Alltag als Vater, Freund, Hausbewohner, Autobesitzer und so weiter eine Unmenge Dinge immer wieder neu zu erledigen hat, verliert man schon mal den Überblick. Schlimmer noch, manchmal hat man regelrecht das Gefühl, unterzugehen.

Seit einem Jahr versuche ich zielgerichtet, mein Leben zu entrümpeln, Aufgaben zu vereinfachen, Kram loszuwerden und vor allem, Stress und Unzufriedenheit über den Moloch “Pflichten” abzubauen. Kein Projekt für einen Tag! Was sich in 20 Jahren an Gerümpel ansammelt, und welche Gewohnheiten sich eingeschlichen haben, die das Wirrwarr beständig vergrößern, macht das Vereinfachungsprojekt zu einer Großtat. Jedenfalls bei mir, der sich nur zu gern von neuen Ideen, Informationen und Gelegenheiten ablenken lässt. Folglich habe ich mir vorgenommen: “Keinen Stress mit dem Stressabbau – aber bleib am Ball! Geh einfach Schritt für Schritt vor.”
Hier nun die acht Regeln, die ich im Großen und Ganzen bei meinem Schritt-für-Schritt-Projekt anwende – nicht dauernd, und natürlich erst recht nicht alles gleichzeitig. Ich versuche immer wieder, mich daran zu erinnern, eine Regel auszuwählen, bei der ein kleiner Erfolg in überrschaubarer Zeit möglich ist, und einfach loszulegen:

1. Information Overflow reduzieren
E-Mail, Internet, Fernsehen, Zeitung – ein ständiges Bombardement mit Nachrichten und Unterhaltung. Hat man erst mal nur einen Blick riskiert, vermehrt sich auf wundersame Weise das Angebot, dass hinter dem nächsten Link oder einem weiteren Kanal wartet. So rinnt einem schnell die Zeit durch die Finger, während man sich einen neuen Haufen an Informationen ins Gehirn lädt. Die Aufmerksamkeit zerfasert. Die Masse macht’s: ab einem bestimmten Grad ist die ruhige Konzentration auf die wichtigsten Prioritäten dahin. Darum: die Zeit für diese Medien kontrollieren – und ab und zu einfach mal Schluss machen. Die Kiste abstellen. Man kann sowieso nicht alles weglesen oder -sehen. Genauso wichtig: der Zeit, in der man andere Aufgaben wahrnimmt (Haushalt ist so ein Ding) oder sich entspannt, besondere Aufmerksamkeit widmen.

2. Den Zeitpunkt zum Schlafengehen nicht verpassen
Mal abgesehen davon, dass Schlafexperten sowieso dazu raten, vor dem Schlafen nicht mehr am Computer oder vorm Fernseher zu sitzen (was ich kaum einhalte), ist es oft schwer, ein Ende zu finden, wenn man in dem Moment keine Verpflichtungen hat. Und schnell hat man sein Limit überzogen, schläft zu wenig, schläft vielleicht schlecht, am nächsten Tag das gleiche Spiel usw. Da bauen sich gehörige Defizite auf, die an die Substanz gehen. Versucht man dagegen, regelmäßige Schlafzeiten einzuhalten, steigt die Erholung, und das schlechte Gewissen hat einen Anklagepunkt weniger.

3. Zeug wegschmeissen und nicht unnötiges neues Zeug anschaffen
Ein Zen-Klassiker, schlicht und wahr. Der Ballast, den wir mit uns rumschleppen, macht es in der Gesamtheit nun wirklich nicht einfacher. Außerdem liegt er überall im Weg, staubt voll, veraltet und verliert an Wert, und was man sucht wird nicht gefunden. Weniger ist mehr! Es kostet anfangs viel Überwindung, Bücher, Kleidung, Geschirr, Zettel (aber auch Software, Links, Dateien) loszuwerden. Menschen, die nicht zur Radikalkur neigen, müssen diesen Kampf einfach nur entspannt aufnehmen, immer wieder aufs Neue: mal hier eine Ecke entrümpeln, mal jene Schublade kontrollieren, das eine oder andere Buch verschenken, verkaufen oder ins Altpapier befördern.

4. To-Do: eine Aufgabenliste führen
Wichtige Aufgaben aufschreiben – was man schwarz auf weiß hat, belastet den Kopf nicht. Zwar kann man aus dem Management von Aufgaben eine Wissenschaft machen, wie die zahllosen Ratgeber zu diesem Thema belegen. Aber ich habe es über Jahre nicht geschafft, die notwendige Disziplin aufzubringen, so ein anspruchsvolles Management durchzuhalten. Stattdessen führe ich eine Liste in einer Textdatei, in der alle wichtigen Aufgaben enthalten sind – grob nach Sachbereichen geordnet. Daraus schreibe ich mir auf einen kleinen Zettel die Punkte, die ich aktuell, also heute, spätestens morgen, erledigen will. Die Aufgaben, die neu dazukommen, werden entweder auf dem kleinen Zettel mit abgearbeitet, oder kommen in die große Liste.

5. Wunschliste führen
Für Wünsche und notwendige Anschaffungen eignet sich ebenfalls eine Liste, die man abspeichern und bearbeiten kann. Dabei hilft Regel Nummer 3 ungemein, diese Liste überschaubar zu halten.

6. Kein Multitasking. Konzentrier dich auf eine Sache
Multitasking funktioniert nicht beim Menschen, weder bei Frauen, noch bei Männern. Immer nur eine Sache zur Zeit machen! Das reduziert die mentale Belastung und führt zu konkreten Ergebnissen. Da die Aufgaben, die momentan nicht berabeitet werden, auf der Liste stehen (Regel 4), kann man sich beruhigt auf das konzentrieren, was man gerade macht.

7. Entspannen
Es ist wichtig für die mentale Gesundheit und ein gutes Gefühl, Phasen der Ruhe und Entspannung einzuhalten. Computerspiele, Internet und ähnliche Beschäftigungen zählen nicht, auch wenn sie ebenfalls ihren Platz haben – das gehört aber in die Abteilung Unterhaltung, Ablenkung usw.
Wie man Ruhe genießt und sich entspannt, ist individuell verschieden. Eine meditative Möglichkeit für Erwachsene, ohne Hokuspokus und Esoterik, stellt die Progressive Muskelentspannung dar. (Eine gute Anleitungs-CD gibt es beispielsweise vom PAL-Verlag für ca. 11 Euro: Tiefenentspannung nach Jacobson.) Die Methode ist einfach und leicht durchzuführen – nach einer Viertelstunde fühlt man sich entspannt, allein schon, weil man Geist und Körper in dieser Zeit vom Stress befreit hat.

8. Mach dir bewusst, was du geschafft hast
Arbeit ohne Ende – der Mythos von Sisyphos. Um mentale Kraft zu tanken ist es gut, sich zu vergegenwärtigen, was man bislang geschafft hat. Ob Eltern, Programmierer, Lehrer, Manager, usw. – leicht ist man in der Situation, dass man sich von der Masse der Verpflichtungen erdrückt fühlt. Natürlich wäre es gut, wenn man Überlastung vermeiden kann. Aber auf gar keinen Fall darf das Selbstvertrauen darunter leiden, dass man den Eindruck hat, dass man nichts schafft. Das Gegenteil ist der Fall. Man rackert sich von morgens bis abends ab – es ist gut, wenn man jeden Tag zwischendurch mal zurückblickt und sich auf die Schulter dafür klopft, was man heute schon wieder alles getan hat. Das stärkt das Selbstvertrauen. Gerade in stressigen Situationen muss man die eigene Leistung ins rechte Licht rücken – die ist nämlich beachtlich!

Vereinfachung – “Entrümpelung” – hilft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und vor allem, dabei nicht psychisch in die Knie zu gehen. Man muss Ballast loswerden, Schritt für Schritt vorgehen und statt sich mit Multitasking und Selbstvorwürfen zu zermürben, muss man auch Gelegenheiten schaffen, die Seele baumeln zu lassen und seine eigenen Leistungen positiv zu sehen. Das ist viel gesünder, macht zufriedener und vielleicht sogar – als Nebeneffekt, der aber nicht im Mittelpunkt steht – ein bisschen effizienter.

Optimismus mit Schopenhauer

February 4th, 2010

Ausgerechnet Schopenhauer als Ratgeber für eine optimistische Sichtweise? Das scheint ein Widerspruch zu sein!

Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer ist allgemein bekannt als Pessimist. Seinen scharfsinnigen, nüchternen Schlussfolgerungen und Formulierungen zollen viele bedeutende Philosophen Respekt, doch seiner negativen Einschätzung der Wirklichkeit schließen sich nur die wenigsten an. Stattdessen der Vorwurf: Er sei ein Misanthrop, und seine Griesgrämigkeit übertrieben und unnötig. Daran ist viel wahr.

Dennoch hat uns Schopenhauer einen großen Gefallen getan. Indem er zeigte, was die größten Irrtümer auf der Suche nach dem Glück sind (Reichtum, Macht, Eitelkeit …) und einen vorgegebenen, positiven Sinn des Universums leugnete, hat er unsere Illusionen deutlich und nüchtern aufgezählt. Auf deren Verwirklichung brauchen wir uns keine realistische Hoffnung zu machen: Dass man mit Reichtum oder Ehrgeiz glücklich wird, dass es eine übergeordnete metaphysische Instanz gibt, die die Welt zum Guten eingerichtet hat und darauf achtet, dass jeder guten Seele ein friedliches und gutes Leben beschieden ist, ist offenkundig nicht wahr. Gewalt, Elend, Krankheit, Einsamkeit strafen jede rosarote Weltsicht lügen.

Dass es aber unerträglich ist, in Sack und Asche zu gehen, dass die menschliche Psyche unter einer so deprimierenden Aussicht zusammenbrechen muss, wenn es keine Mittel und Wege gibt, etwas für das Glück zu tun, das wusste auch Schopenhauer (der ja nicht die Ursache dieser Situation, wie er sie sieht, ist, sondern sie nur aufrichtig und realistisch beschrieben hat). Der Wunsch, glücklich zu sein, war Schopenhauer ganz und gar nicht fremd; er war nur ernüchtert über die Möglichkeiten, diesen Wunsch zu verwirklichen.

Den leeren metaphysischen Glücksversprechungen und den Irrtümern und Illusionen der Menschen konnte man nicht vertrauen, um zuverlässig glücklich zu werden. Vielmehr muss man seine physischen und psychischen Möglichkeiten schon realistisch einschätzen, um dahin zu kommen. Dass der Mensch dieses Glücksbedürfnis (und andere emotionale und soziale Bedürfnisse) hat, stand für Schopenhauer außer Frage. Seine psychologischen Analysen sind heute noch bemerkenswert realistisch und treffend.

Und so können wir uns heute Schopenhauers Bemerkungen ganz anders zu eigen machen. Seinen Pessimismus und die scheinbare Griesgrämigkeit brauchen wir nicht zu teilen. Sie lassen sich verstehen als eine Reaktion auf die Luftschlösser und falschen Versprechungen der Philosophen und Theologen seiner Zeit. Es gibt eine großartige Textstelle in den “Aphorismen zur Lebensweisheit” – eine der populärsten Schriften Schopenhauers – , die seine gar nicht so unfreundliche, aber realistische psychologische Sichtweise belegt und die uns zeigt, welche positiven psychischen Faktoren wichtig sind, um uns zu motivieren und Lebensfreude zu empfinden, ohne dass man sich dazu in Illusionen verlieren muss:

“Was nun aber … uns am unmittelbarsten beglückt, ist die Heiterkeit des Sinnes: denn diese gute Eigenschaft belohnt sich augenblicklich selbst. Wer eben fröhlich ist hat allemal Ursache es zu sein: nämlich eben diese, daß er es ist. Nichts kann so sehr, wie diese Eigenschaft, jedes andere Gut vollkommen ersetzen; während sie selbst durch nichts zu ersetzen ist. Einer sei, jung, schön, reich und geehrt; so fragt sich, wenn man sein Glück beurteilen will, ob er dabei heiter sei: ist er hingegen heiter, so ist es einerlei, ob er jung oder alt, gerade oder bucklig, arm oder reich sei; er ist glücklich. In früher Jugend machte ich einmal ein altes Buch auf, und da stand: »wer viel lacht ist glücklich, und wer viel weint ist unglücklich« – eine sehr einfältige Bemerkung, die ich aber, wegen ihrer einfachen Wahrheit, doch nicht habe vergessen können, so sehr sie auch der Superlativ eines Trueism’s ist. Dieserwegen also sollen wir der Heiterkeit, wenn immer sie sich einstellt, Tür und Tor öffnen: denn sie kommt nie zur unrechten Zeit; statt daß wir oft Bedenken tragen, ihr Eingang zu gestatten, indem wir erst wissen wollen, ob wir denn auch wohl in jeder Hinsicht Ursache haben, zufrieden zu sein; oder auch, weil wir fliehten, in unsern ernsthaften Überlegungen und wichtigen Sorgen dadurch gestört zu werden: allein was wir durch diese bessern, ist sehr ungewiß; hingegen ist Heiterkeit unmittelbarer Gewinn. Sie allein ist gleichsam die bare Münze des Glückes und nicht wie alles andere, bloß der Bankzettel; weil nur sie unmittelbar in der Gegenwart beglückt; weshalb sie das höchste Gut ist für Wesen, deren Wirklichkeit die Form einer unheilbaren Gegenwart zwischen zwei unendlichen Zeiten hat. Demnach sollten wir die Erwerbung und Beförderung dieses Gutes jedem andern Trachten vorsetzen.”

Um optimistisch zu sein, muss man realistisch sein. Illusionen und falsche Versprechungen sind keine wirkliche Hilfe. Ebensowenig ist ein dauernder Pessimismus von Nutzen. Er ist ebenso unrealistisch wie der überzogene Optimismus. Menschen machen sich Hoffnungen, und dazu dürfen sie sich ruhig positiv motivieren, ohne Angst zu haben, dadurch “in unseren wichtigen Sorgen gestört zu werden.” Man muss nur auf dem Boden bleiben, wozu Realismus und Optimismus am besten geeignet sind.
.

. .