Archive for the ‘Glück’ category

Seneca fürs 21. Jahrhundert

November 10th, 2010

Seneca und Stoizismus waren immer schon vergleichsweise populär. Das Interesse an Seneca nimmt in den letzten Jahren wieder zu. Die Popmusiker von “Get Well Soon” setzen sich auf ihrem jüngsten Album “Vexations” mit Seneca und stoischen Auffassungen auseinander. Warum, wie das MTV-Blog berichtet, das “ein bisschen zu viel des Guten” sein soll und Konstantin Gopper, der für die Kompositionen verantwortlich zeichnet, “aus der Kritik angesichts des intellektuellen Überbaus sicher lernen und beim dritten Album nicht ungefragt vorchristliche Theorien in die Runde pfeffern” wird, ist völlig unklar. In der Popmusik kann man jeden Scheiß machen, je bescheuerter desto publikumswirksamer, da sind Inhalte, die sich seit über 2000 Jahren in verschiedensten Situationen bewährt haben, definitiv nicht verboten.

Auch Mark Frauenfelder auf Boing Boing sieht das so, und rezensiert zustimmend das neue Buch von William B. Irvine, “A Guide to the Good Life: The Ancient Art of Stoic Joy“, (Affiliate-Link) erschienen bei OUP. Anschließend schrieb Irvine auf Boing Boing eine dreiteilige Serie über seine stoische Alltagspraxis.
Als Philosoph mag man Details von Irvines Stoainterpretation prüfen, oder fragen, wo die stoische Philosophie ergänzungsbedürftig ist, wie dies bspw. Martha Nussbaum in ihren Büchern in fairer Weise tut. Als Einstieg in eine solche philosophische Haltung, und als lebenspraktische Reflexion, sind die Beiträge jedenfalls gut geeignet. Deshalb: mehr davon!

Hier die Beiträge von William Irvine auf Boing Boing: Stoizismus für das 21. Jahrhundert:
Teil 1: Twenty-First Century Stoic — From Zen to Zeno: How I Became a Stoic
Teil 2: Twenty-First Century Stoic — Insult Pacifism
Teil 3: Twenty-First Century Stoic — Stoic Transformation

Update: Auf der Webseite von Get Well Soon gibt es 6 Stücke des neuen Albums als Konzertmitschnitt kostenlos zum Download. [via Spreeblick]

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“Pech gehabt!”, oder: Ist Glück lernbar?

October 28th, 2010

In der Frage, wie viel wir eigentlich selbst für unser Glück tun können, trifft man immer wieder auf die Position, dass da nicht viel zu machen sei. Entweder man habe eine leichte, zum Glücklichsein tendierende psychsische Grundausstattung, oder man sei eben eher grüblerisch und trübsinnig – und daran ließe sich nicht viel ändern. All die Bemühungen und Ratschläge seien vergeblich. Was man an charakterlicher Ausstattung mitbekommen habe, sei nun einmal von der Natur so vorgegeben, “determiniert” und auch nicht mehr änderbar.

Das ist nicht nur keine besonders optimistische Position, sie ist auch falsch. Es trifft in keiner Weise zu, dass die “Natur” schon alles festgelegt hat oder dass die Gene ein für alle Mal determinieren, wie man sich zeitlebens fühlen und auf die Umwelt reagieren wird. Woher auch immer die Vorstellung stammt, “Natur” habe etwas mit starrer Festlegung zu tun – es ist eine Illusion, die in unzähligen Bereichen und Einzelheiten unserer natürlichen Umwelt widerlegt wird. Auch angesichts der Vielfalt, Veränderlichkeit und Dynamik der psychsischen und emotionalen Phänomene kann man über so eine simple Vorstellung nur verblüfft sein. Wenn man die “Natur” schon in dieser metaphorischen Weise für irgendetwas in der belebten Welt als Beleg nehmen will, dann ist Entwicklungsfähigkeit wohl der naheliegendere, der Realität entsprechende Sinn.

Dass man die “Natur” nicht als “Beweis” für einen solchen Determinismus ins Feld führen kann, demzufolge unsere psychische Ausstattung ein für alle Mal festgelegt ist, und wer ein unglücklicher Tropf sei, der bleibe dies auch, zeigt beispielsweise ein einfaches und harmloses Experiment mit Ratten. Das mag als Beispiel vielleicht befremden, aber es zeigt, dass schon Verhaltensweisen von im Vergleich zum Menschen “einfachen” Lebewesen nicht so festgelegt sind, wie es scheint, wenn man von der “Natur” und den Genen spricht. Es gibt auch bei Ratten fürsorgliche und weniger fürsorgliche Mütter. Die Nachkommen der Rattenmütter, die ihren Babys weniger Zuwendung durch Lecken und Kraulen zeigten, reagieren als Erwachsene auf schwierige Herausforderungen gestresster als die Nachkommen, die als Babys mehr Zuwendung erfahren haben. Gibt man nun aber Rattenbabys einer Mutter, die ihren Nachkommen weniger Aufmwerksamkeit widmet, in die Obhut eines fürsorglichen Muttertieres, das diese Babys dann aufzieht, so werden diese genauso stressresistent wie die eigenen Nachkommen der liebevollen Rattenmutter. Der Bann der elterlichen Stresskarriere ist gebrochen, ein anderes Verhalten, als es die genetische Mutter zeigt, wurde gelernt.

Das Gehirn ist lernfähig, anpassbar, formbar. Die Fachleute sprechen von Neuroplastizität. Das gilt für Säugetiere, und noch viel mehr für Menschen. Die Neuronen, die Schaltbahnen unseres Gehirns, lernen neue Verhaltensweisen, die durch Übung und Wiederholung stärker werden, ähnlich wie “Trampelpfade”, die durch häufigen Gebrauch entstehen. Und so kann man durch die richtigen Methoden auch die Fähigkeit zum Glück, zur Freundlichkeit und anderen positiven Eigenschaften, die zu einer besseren Bewältigung des Lebens beitragen, lernen. Wir sind weder Sklaven der Natur, noch unserer Kindheit. Wie wir empfinden und wie wir auf Erfahrungen reagieren, können wir auch als Erwachsene noch lernen.

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Glücklich sein – humorvoll betrachtet

October 14th, 2010

Lauren McCarthy ist eine junge amerikanische Künstlerin, die sich in ihren Projekten den Aspekten (zwischen)menschlicher Erfahrung widmet, die scheitern können.

Eines dieser Projekte ist der Happiness Hat, der mit einem Sensor ausgestattet ist und seinem Träger einen Stich versetzt, wenn er nicht lächelt. Zuletzt hat sie den “Conversacube” entwickelt – eine kleine Box, die den Personen in einem Gespräch Anweisungen gibt, wie sie die Kommunikation fortsetzen sollen, beispielsweise bei einem Date. Dann klappt’s auch mit dem ersten Kuss – wie das dazugehörige Video augenzwinkernd vorführt.

Diese Objekte zeigen auf wunderbar humorvolle Weise die Unsicherheiten, mit denen Menschen sich bei ihrem Bemühen um ein emotional und kommunikativ gelingendes Verhalten auseinandersetzen müssen.

happiness hat from Lauren McCarthy on Vimeo.

Travel Conversacube from Lauren McCarthy on Vimeo.

Glücklich sein

September 17th, 2010

Dieses Video basiert auf dem wunderbaren kleinen Buch “Be Happy” von Monica Sheehan. Es enthält einfache Empfehlungen, auf welche oft eher kleinen Dinge man achten sollte, um sich besser und ausgeglichener zu fühlen. Die vorgeschlagenen Einstellungen und Aktionen sind dabei tatsächlich so etwas wie eine philosophische und psychologische Quintessenz der Darstellungen zu diesem Thema. Fürs Glück kommt es gerade weniger auf Reichtum, neue Möbel, Autos oder Fernseher an, als vielmehr auf persönliche Einstellungen, die eine freundliche, offene und soziale Zugangsweise zum Alltag und zu den Mitmenschen ermöglichen.

Das Buch lebt insbesondere durch seine Illustrationen, die die wichtigen Dinge einprägsam veranschaulichen. Daraus wurde dieses motivierende kleine Video zusammengestellt.

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Die gute Nachricht des Tages

September 12th, 2010

Ein 90jähriger Mann erzählt (auf Englisch), wie er zwei Wochen nach der Landung der Alliierten in Frankreich 1944 eines Nachts auf seiner Trompete spielte, obwohl sein Kommandeur ihn gewarnt hatte, dass ein deutscher Scharfschütze in der Nähe sei.

Warum behandeln wir Deutsche unsere sozialen Fähigkeiten so stiefmütterlich?

August 28th, 2010

2007 hat die UNICEF eine Studie über Kinderarmut in reichen Ländern veröffentlicht. Bemerkenswert an der Studie ist, dass nicht nur ökonomische, sondern auch Indikatoren wie Gesundheit, Bildung und Familie aufgenommen wurden. Und erstaunlich ist, dass Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt unter den 21 Großen bei der Kinderamut nur den 11. Rang einnimmt. Die Indikatoren, bei denen Deutschland in der Kinderarmutsstudie am schlechtesten abschneidet, sind “Materieller Wohlstand” und “Familie und Freunde” mit jeweils dem 13. Rang.

Warum ist in Deutschland die sozialpsychologische Dimension “Familie und Freunde” so schlecht entwickelt? Eine Einzelfrage aus der Studie liefert ein erschreckendes Bild: Der Anteil der 15jährigen, die mehrmals in der Woche Zeit mit ihren Eltern verbringen “nur um zu reden”, ist in Deutschland im Vergleich zu 25 untersuchten OECD-Nationen am geringsten!

Wir Deutschen sind nicht gut genug in den “soften” sozialen Skills, in der Fähigkeit, miteinander zu reden, uns gegenseitig Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken und unsere Kinder emotional zu stärken. Und ganz offensichtlich fehlt auch uns deutschen Erwachsenen diese sozialpsychologische Sicherheit, die die soziale Interaktion schöner und erfolgreicher macht.
Es kann – in der Politik, in der Bildung, in der Wirtschaft, in allen alltagsrelevanten Kontexten – also nicht nur darum gehen, den ökonomischen Wohlstand zu sichern und materielle Armut abzubauen, wir müssen auch mehr für das soziale, psychologische Wohlbefinden der Menschen tun. Es kann keine Rede davon sein, utopische Luftschlösser vom Kuschelparadies zu etablieren, sondern es sind die grundlegendsten sozialen, kommunikativen, psychologischen Fähigkeiten und Bedürfnisse, bei denen wir Lernbedarf haben.

Quelle: UNICEF, 2007, An overview of child well-being in rich countries. A comprehensive assessment of the lives and well-being of children and adolescents in the economically advanced nations