Archive for the ‘Partnerschaft’ category

Über den richtigen Umgang mit Anderen und mit sich selbst: Der unbekannte Knigge

October 15th, 2011

Auf der Suche nach Texten, die sich mit der Frage beschäftigen, wie man respektvoll miteinander umgehen soll, ist in der deutschen Literatur an unvermuteter Stelle ein kleiner Schatz zu heben: nämlich bei Adolph Freiherr (von) Knigge. (Das “von” hat Knigge selbst, inspiriert durch die Französische Revolution von 1789, streichen lassen).

Knigge ist allgemein leider nur bekannt als der Autor von Benimmregeln. Aber das ist ein bedauerliches Missverständnis. Denn erst spätere Autoren haben den Erfolg der Ratschläge Knigges dazu genutzt, mit seinem Namen ihre eigenen Bücher über Tischsitten und bürgerliches Benehmen bekannt zu machen. Knigge ging es aber grundsätzlich um ein aufgeklärtes Verständnis all unserer Beziehungen zu anderen Menschen – und zu uns selbst. Für ihn steht die Würde und Autonomie des Menschen im Zentrum seiner Abhandlung – für bloße Konventionen, wie zu seiner Zeit etwa die der höfischen Kultur, hatte er gar nichts übrig – sonst hätte ihn Heinrich Heine wohl auch nicht einen “Kenner der Menschen und Bestien” genannt. Vielmehr war Knigge der Überzeugung, dass für einen aufgeklärten, respektvollen Umgang miteinander bestimmte Dinge berücksichtigt werden müssen, die auf der Achtung für Andere und für sich selbst beruhen.

So klingt bei Knigge vieles ähnlich wie in Arthur Schopenhauers “Aphorismen zur Lebensweisheit“, die erst einige Jahrzehnte später veröffentlicht wurden. Und offenkundig beruht sein Ratgeber auch stark auf den ethischen Prinzipien antiker Philosophen wie Cicero und Seneca. Knigges Buch “Über den Umgang mit Menschen” ist aber keine philosophische Abhandlung, sondern ganz pragmatisch ausgerichtet. In manchem ist er den bürgerlich-biedermeierlichen Vorstellungen seiner Zeit verhaftet, wenn er zwar einerseits die Frau als autonome Partnerin in einer Ehe anerkennt, andererseits aber ihre angebliche Einfalt und Anmut als selbstverständlich ansieht. Für heutige Leser, die solche Klischees nicht mehr akzeptieren, ist es aber leicht, die entsprechenden Passagen in Knigges Verhaltenstipps zu “übersetzen”.

Drei der zahlreichen Ratschläge aus Knigges berühmtem Buch will ich hier zum Schluss zitieren:

1.
Sei aber nicht gar zu sehr ein Sklave der Meinungen andrer von Dir! Sei selbständig! Was kümmert Dich am Ende das Urteil der ganzen Welt, wenn Du tust, was Du sollst? Und was ist Deine ganze Garderobe von äußern Tugenden wert, wenn Du diesen Flitterputz nur über ein schwaches, niedriges Herz hängst, um in Gesellschaften Staat damit zu machen?

2.
Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern!

3.
Vor allen Dingen wache über Dich, dass Du nie die innere Zuversicht zu Dir selber, das Vertrauen auf gute Menschen und auf das Schicksal verlierst! Sobald Dein Nebenmann auf Deiner Stirne Missmut und Verzweiflung liest – so ist alles aus. Sehr aber ist man im Unglücke ungerecht gegen die Menschen. Jede kleine böse Laune, jede kleine Miene von Kälte deutet man auf sich; man meint, jeder sehe es uns an, dass wir leiden, und weiche vor der Bitte zurück, die wir ihm tun könnten.

Knigge wird heute unterschätzt und leider als bloßer Benimmpapst für angepasstes Verhalten missverstanden. Manche Ratschläge Knigges würden denjenigen, die mehr auf das oberflächlich gutsituierte Verhalten achten, vermutlich sauer aufstoßen.

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Wichtig: Über Wünsche und Gefühle reden

April 11th, 2011

In persönlichen Beziehungen ist es wichtig, dass man ausspricht, was einem wichtig ist: wie man sich fühlt, oder was man sich wünscht. Gerade in schwierigen Situationen, wo Unsicherheiten und Missverständnisse bestehen, kommt es darauf an, dass man seine Bedürfnisse klar zum Ausdruck bringt.
Andererseits wissen wir alle, wie schwer es ist, a) zu sagen, was man fühlt und b) die Stimmung dadurch nicht noch komplizierter zu machen. Denn oft sind die Reaktionen auf Gefühlsäußerungen nicht gerade ermunternd und die Missverständnisse scheinen sich zu vervielfachen, so dass man lieber nur teilweise oder gar nicht mitteilt, was einen bewegt. Und das führt dann dazu, dass man selbst in Situationen, wo es angebracht ist und auch wirklich weiterhelfen würde, nicht in der Lage ist, Wünsche und Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Man hat dann die berühmte Schere im Kopf, die einen von den wichtigen, authentischen Äußerungen abhält. Und oft ist einem die Schere schon gar nicht mehr bewusst, weil das Zurückhalten solcher Gefühle schon verinnerlicht wurde

Das ist natürlich fatal. Und man sollte daran arbeiten, sich seine Gefühle bewusst zu machen und darüber sprechen zu können. Und man darf gerade auch Selbstvertrauen entwickeln, um zu seinen Bedürfnissen und Ansichten zu stehen. Leider gibt es einige Gründe, die uns davon abhalten, unsere Gefühle und Bedürfnisse auszusprechen, oder dies in einer Weise zu tun, wie es wirklich in unserem Interesse ist.

1. In der Regel haben wir es nicht gelernt, über unsere Gefühle zu sprechen. Beim Heranwachsen war es in der Interaktion mit Eltern, Geschwistern und Mitschülern meistens nicht gerade üblich, in einer verständnisvollen Atmosphäre über Wünsche und Gefühle zu reden. Man kann da den Anderen keinen Vorwurf machen, denn die haben es ja auch nicht gelernt. Denken wir nur mal daran, in was für einer Zeit unsere Eltern aufgewachsen sind, und deren Eltern, und so weiter. Zu Zeiten des Kaiserreichs oder des Nationalsozialismus war “emotionale Intelligenz”, wie das Modewort dafür heute heißt, weitgehend vernachlässigt. Fast jeder hat also in der Familie schon eine gewisse Unfähigkeit erlebt, sich vernünftig und aufrichtig mit Gefühlen auseinanderzusetzen, ohne dass daraus Hohn oder Demütigung entstanden.

2. Oft haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Reaktionen auf die Äußerung von Gefühlen und Bedürfnissen sehr unvorteilhaft waren, so dass sich der Eindruck verfestigt hat, dass es besser ist, unsere Gefühle nicht offen auszusprechen. Da wir aber gar nicht anders können, als unseren Gefühlen zu folgen, weichen wir in strategische Spielchen aus, wie wir sie im Alltag im Kampf um Selbstbehauptung auch viel öfter erleben. Leider führen diese indirekten Selbstbehauptungsstrategien oft zu nichts Gutem. Und insbesondere sind unsere Gefühle auf diese Weise überhaupt nicht klar erkennbar. So MUSS es zu Missverständnissen und Verschlechterung der Beziehung kommen. Wir kommen so also kein Stück weiter, im Gegenteil, wir legen uns auf Auseinandersetzungen fest, die wir überhaupt nicht gebrauchen können.

3. Oft sind wir uns selbst gar nicht im Klaren darüber, was das Beste für uns ist, obwohl wir natürlich einen gegenteiligen Eindruck haben. Indem wir die falschen oder nachrangigen Bedürfnisse verfolgen und dabei auch noch die strategischen Spielchen spielen, stehen wir uns selbst im Weg und können gar nicht ans Ziel kommen. Wir haben das Ziel ja nicht einmal vor Augen.

Hätten wir eine bessere Übung darin, über unsere Gefühle und Bedürfnisse zu reden, und würden wir dies mit mehr gegenseitigem Verständnis und mehr Geduld tun, würden wir wohl auch besser wissen, was gut für uns ist, was wir brauchen. Wir würden jedenfalls nicht so weit davon weggetragen, indem wir streiten und Ersatzkämpfe ausfechten, um uns selbst zu behaupten, oder indem wir unsere wahren Bedürfnisse verschweigen. Es ist in jedem Fall besser, ein wenig achtsam mit sich selbst – und natürlich auch mit den anderen – zu sein. Man kann dadurch nur gewinnen.

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Leiden wie ein Hund – Männer und Liebeskummer

December 10th, 2010


Obwohl oft gesagt wird, dass Frauen sensibler als Männer seien, zeigen neue Studien, dass Männer keineswegs die gefühllosen Wesen sind, für die sie manchmal gehalten werden. So unterschiedlich scheint die emotionale Grundausstattung der beiden Geschlechter nicht zu sein – der Unterschied besteht eher in der Fähigkeit, mit Gefühlen umzugehen. Diese Fähigkeit wird durch Kultur und Erziehung erworben, und unterliegt somit äußeren Faktoren, die sich mit der Zeit ändern können.

Eines der heftigsten Gefühle – Liebeskummer – trifft Männer ganz besonders. Um mit den emotionalen Schwierigkeiten, die eine Trennung verursacht, fertig zu werden, sind soziale Beziehungen von entscheidender Bedeutung, in denen man über seine Gefühle reden und Aktivitäten entfalten kann, die ein neues Selbstwertgefühl entstehen lassen. Vertrauensvoll über Gefühle zu reden ist aber unter Männern oft nicht üblich. Männliche Freundesgruppen sind meistens latent oder offen kompetitiv. Und selbst wenn kein Tabu besteht, über Gefühle zu reden, haben Männer wenig Erfahrung darin, ihre emotionale Situation zu beschreiben.

Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie mit über 1000 Probanden, die im “Journal of Health and Social Behavior” veröffentlicht wurde (ein Bericht dazu findet sich hier). Die Bewältigungsstrategien von Frauen und Männern unterscheiden sich in der Regel: Frauen suchen nach einer Trennung Unterstützung durch Freunde, Männer dagegen fühlen sich isoliert und greifen überdurchschnittlich oft zu Drogen und Alkohol.

Die Psychologin Nancy Chodorow ist der Auffassung, dass Männer durch ihre Erziehung ein Maß an emotionaler Selbstbeherrschung gelernt haben, das sie sowohl in ihrem Gefühlsleben als auch in ihrer Beziehung zu Frauen stark beeinträchtigt. Sie zahlen einen hohen Preis dafür, wenn sie in einer emotionalen Lebenskrise sind und keine Möglichkeit finden, mit männlichen Freunden über ihr Befinden zu reden.

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Liebeskummer ist ein bisschen wie Drogenentzug

August 6th, 2010

Um Liebeskummer zu verstehen, ist die Analogie zum Drogenentzug hilfreich, wobei natürlich anzunehmen ist, dass die meisten, die Liebeskummer erlebt haben, keine nennenswerten Drogenerfahrungen haben. Es ist ja auch nur eine Analogie.
Eine im “Journal of Neuropsychology” veröffentlichte Studie hat die neuralen Systeme untersucht, die bei Liebeskummer aktiv sind. Gehirnregionen, die bei Verlusten und Gewinnen, bei starkem Verlangen und bei der Gefühlsregulierung eine Rolle spielen, werden aktiviert, wenn eine Person mit Liebeskummer ein Foto der geliebten Person betrachtet. Belohnungs- und Überlebenssysteme sind gleichermaßen bei glücklich wie unglücklich Verliebten beteiligt. Aber bei Liebeskummer befindet sich das Belohnungssystem in einem endogenen negativen Gefühlszustand. Gleichzeitig ist das Gehirn “bemüht”, Wahrnehmung und Gefühle neu zu lernen (vielleicht beruht ein Teil der Verzweiflung bei Liebeskummer ja darauf, dass dies nicht so schnell gelingen will), während es andererseits Symptome der Abhängigkeit zeigt. Die Autoren vermuten, dass einige “Bausteine” des Liebeskummers, nämlich die in den mesolimbischen Hirnregionen verwurzelten, eine Bedeutung für die Antriebsregulierung aller Säugetiere haben. Liebeskummer – und Liebe – seien nicht ein spezifisches Gefühl, sondern ein zielorientierter Gefühlszustand.
Vielleicht wird es ja einmal eine sensible Therapie für Liebeskummer geben, die dabei hilft, diese neurologischen Prozesse gut zu bewältigen und einen weniger leidvollen Zustand der Betroffenen zu erreichen.

Eine der Autorinnen der Studie, Helen Fisher, hat auf der TED-Konferenz 2008 von einigen Forschungsergebnissen berichtet. Das Video ist auf YouTube zu sehen (in Englisch).

Quellen: Fisher et al.: Reward, Addiction, and Emotion Regulation Systems Associated With Rejection in Love
Bericht in Science Daily

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Gute lebendige Beziehungen und Anerkennung im Job sind wichtig fürs Glück

June 29th, 2010

Statische Zustände wie “verheiratet sein” oder “Arbeit haben” sind weniger ausschlaggebend für das subjektive Glücksempfinden als Ereignisse wie “eine neue Beziehung anfangen” oder “eine Belohnung im Job erhalten”. Eine statistische Studie, die 2007 unter dem Titel “Measuring the impact of major life events upon happiness” im International Journal of Epidemiology erschienen ist [via], hat Daten des Britischen Household Panel Survey ausgewertet, und stellt fest, dass das Eintreten von Einzelereignissen den größten Beitrag zum Glücksempfinden von Individuen leistet. Dementsprechend haben gute dynamische zwischenmenschliche Beziehungen sowie Arbeitsverhältnisse, in denen Anerkennung immer wieder erlebt wird die größte Bedeutung im Leben.
Ein einmal erreichter Status verliert mit der Zeit seine Relevanz für das Glücksempfinden – dieser Gratifikationszerfall ist empirisch gut belegt (Achtsamkeitsübungen oder beispielsweise ein Gute-Dinge-Tagebuch sind gute Methoden, diese “Glücksverluste” einzudämmen.) Daher sind menschliche Beziehungen, Jobs, Ausbildungsverhältnisse und so weiter, die dynamisch immer wieder mal zu positiven Ereignissen führen, von zentraler Bedeutung für das Glücksempfinden. Dies gilt zwar auch für materielle Ereignisse wie den Autokauf, aber der Abnutzungseffekt materiellen Zugewinns ist auch gut belegt, und daher als Glücksstrategie im Sinne einer kontinuierlichen und langanhaltenden Förderung der Zufriedenheit nur in Einzelfällen geeignet.
Menschliche Beziehungen und ein Job, der Anerkennung bietet, sind die wesentlichen Faktoren für ein glückliches Leben.

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Dazu passend: Eric Barker, von dem auch der Hinweis auf die oben genannte Studie stammt, hat einen wertvollen Tipp, wie man seine Beziehung verbessert: Eine Studie, die unter dem Titel “How was your day?” veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass positive Gefühle verstärkt wurden, wenn man seinem Partner von einem positiven Ereignis des Tages erzählt hat. Und ebenso positiv wirkt es sich aus, wenn der Partner von seinem positivsten Tagesereignis berichtet.

Interessante Links vom 30.4.2010

April 30th, 2010

Es gibt kein natürliches Aphrodisiakum: What are the best natural aphrodisiacs?