Archive for the ‘Psyche’ category

Welche Folgen spürt man beim Absetzen von Antidepressiva?

January 18th, 2014

Zufälligerweise bin ich über zwei Artikel gestolpert, die darüber berichten, welche Auswirkungen beim Absetzen von Antidepressiva beobachtbar sein könnten. Patienten, die in Rücksprache mit ihrem Experten in der Behandlung das Medikament absetzen, können sich bei “Psychiatrie to go” oder bei “dasGehirn.info” informieren.

Ein paar Tipps zur Motivation

July 27th, 2012

Motivation ist wichtig für so Vieles im Leben, für kleine und für große Dinge. Oft wartet man auf den großen Kick, und wenn es ernst wird, denkt man vielleicht sogar, man müsste sein Leben umkrempeln. Das scheint das Gegenteil von einem Erfolgsrezept zu sein – unter anderem deshalb, weil man damit viel zu hohe Ansprüche an sich stellt, die leicht scheitern können und dann zu weniger statt mehr Motivation führen.

Besser ist es, in kleinen Schritten voranzugehen, und auch nicht zu viele gute Vorsätze auf einmal zu beschließen. Am besten nimmt man sich nur eine klar umgrenzte Sache vor, und geht dann Stück für Stück zu weiteren Aufgaben über. Die wichtigste “Tugend” dabei ist Gewohnheit, sozusagen eine positive Routine. Wer sich angewöhnt hat, die Dinge zu rechtzeitig anzugehen, muss sich keine Gedanken machen und keine große Kraft aufwenden, um sie in letzter Minute zu erledigen. Die richtigen Gewohnheiten führen besser und leichter zum Ziel, als wenn man sich dem Stress aussetzen muss, Schwierigkeiten kurz vor Schluss zu lösen. Und auch hier kann man klein anfangen und sich dann allmählich größere Ziele setzen, bspw. zunächst mit dem Bettenmachen jeden Morgen anfangen, um irgendwann dann mal klar Schiff auf dem Schreibtisch zu erreichen.

Für die Meisten von uns ist außerdem ein großes Hindernis die Ablenkung. Sei es, dass wir uns vom Internet oder vom Fernseher nicht losreißen können, oder dass wir ans Essen denken und ähnliche “Ersatzhandlungen”. Eines der wirksamsten Mittel zur Motivation ist es, solche “Problemsituationen” zu vermeiden. Und wer sich grad wieder in einer solchen Situation ertappt (wie zum Beispiel beim Lesen dieses Artikels), der sagt sich schlicht, aber entschieden: “Los, krieg deinen Hintern hoch.”

Ein weiterer gut bewährter Tipp ist es, sozusagen Buch zu führen. Wenn man protokolliert, was man geschafft hat, so führt das zu zwei für die Motivation wichtigen Dingen: es verschafft Übersicht, und es gibt ein gutes, beruhigendes Gefühl. Beunruhigende Gedanken sind einer der größten Motivationskiller. Es ist also eine kluge Strategie, ihnen möglichst wenig Nahrung zu geben.

Übrigens: Tipps wie diese findet man in der heute schier unendlich scheinenden Motivationsliteratur. Wirklich bemerkenswert aber ist, dass schon die Philosophen der Antike – Aristoteles, Epikur, Cicero und Seneca – diese entscheidende Rolle von guter Gewohnheit, schrittweisem Vorgehen und ausgeglichener Psyche betont haben.

Natürlich gibt es Willensfreiheit

March 7th, 2012

Die Hirnforschung hat in den letzten Jahrzehnten viel Aufmerksamkeit bekommen. Viel Geld wurde in die Forschung investiert, zahlreiche Institutionen sind in diesem Bereich neu entstanden, und faszinierende Erkenntnisse über die Vorgänge im menschlichen Gehirn wurden zutage gefördert. Ein Großteil der Fortschritte in der Psychologie basiert auf diesem neuen Wissen.
Wie so oft, wenn eine wissenschaftliche Disziplin in ihrer Blüte steht, haben Vertreter dieser Forschungsrichtung ihre Erfahrungen verallgemeinert, um einige uns ständig bewegende philosophische Fragen aus ihrer Sicht zu beantworten. In diesem Fall haben sich einige Hirnforscher prominent mit der Behauptung hervorgetan, es gäbe keine Willensfreiheit – so zum Beispiel Gerhard Roth und Wolf Singer. Ein häufig angeführtes Argument stützt sich dabei auf Experimente, die gezeigt haben, dass – bevor die Testpersonen bewusst äußerten, dass sie eine Entscheidung getroffen haben – schon längst eine Aktivität im Gehirn gemessen wurde.

Andere Fachleute und eine Vielzahl von Philosophen halten dieses Argument für kurios. Denn aus der Tatsache, dass vor der bewusst gewordenen Entscheidung schon Hirnprozesse zu diesem Ereignis hingeführt haben, folgt keineswegs, dass es keinen freien Willen gibt. Es sei denn, die Existenz von Gehirnaktivität ist schon als solche ein Argument gegen die Willensfreiheit – und diese Annahme ist eben kurios. Unsere mentalen Vorgänge laufen eben im Gehirn ab, das weiß heute jedes Schulkind. Und das faszinierende Wechselspiel von Gehirnaktivität und anderen körperlichen Prozessen, das unsere Emotionen hervorbringt, hat beispielsweise der kanadische Hirnforscher Joseph LeDoux eindrucksvoll in seinem Bestseller “Das Netz der Gefühle” beschrieben.

Jeder Mensch weiß, wann er einem anderen Wesen begegnet, das einen freien Willen hat – und wann dies nicht der Fall ist. Wir wissen, wann es sinnvoll ist, jemandem zu sagen: „Tu dies nicht!“ Wir erleben auch laufend, dass wir einem plötzlichen Impuls nicht immer sofort nachgeben, sondern innehalten können, um zu überlegen, ob wir etwas doch nicht tun oder vielleicht auch erst später tun wollen. Die Philosophen sind überwiegend der Meinung – so zum Beispiel Peter Bieri, Ernst Tugendhat und Ansgar Beckermann – dass die Hirnforscher, die die Willensfreiheit verneinen, keine überzeugenden Argumente vorgelegt haben, ja dass sie eigentlich recht deutlich zu erkennende Argumentationsfehler begehen, die schon in früheren Stadien der Diskussion über Willensfreiheit überwunden worden sind.

Menschen besitzen Willensfreiheit nicht trotz ihres Gehirns, sondern gerade wegen der Beschaffenheit des menschlichen Gehirns und der dadurch möglichen Fähigkeiten. Willensfreiheit findet im Gehirn statt – wo denn sonst?! – und wird folgerichtig auch in Form bestimmter Aktivitäten nachweisbar sein. Meine Entscheidung, jetzt doch nicht einen Schluck aus dem Kaffeebecher zu nehmen, sondern zuerst diesen Satz zu Ende zu schreiben, sollte mit geeigneten Verfahren in meinem Gehirn nachweisbar sein. Daran ist nichts Geheimnisvolles. Oder hatten die Hirnforscher gerade das erwartet – etwas Geheimnisvolles, das nichts mit dem Gehirn zu tun hat?
Es ist für das Menschenbild ganz beruhigend und natürlich, ein Gehirn zu haben. Die schrillen Behauptungen rund ums Gehirn, die man in den letzten Jahren immer wieder hört, führen höchstens zu einer Irritation über etwas, womit das normale Alltagsempfinden kein Problem hat: nämlich dass Gedanken, Erinnerungen, Gefühle und Entscheidungen in einem Körper stattfinden, und in einem anderen Körper finden die dort eigenen Gedanken, Erinnerungen, Gefühle und Entscheidungen statt. Das Organ für die kognitiven Prozesse ist das Gehirn, und manche dieser Prozesse sind beim Menschen aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten frei.

Der Mensch ist nicht Sklave seiner Triebe oder seiner Wünsche. Er kann überlegen. Und ein aufgeklärter Mensch geht davon aus, dass solche Überlegungen in Form neuronaler Prozesse im Gehirn stattfinden. Manche neuronalen Prozesse entsprechen unkontrollierten Impulsen, andere neuronalen Prozesse entsprechen den Überlegungen bei einer freien Wahl zwischen unterschiedlichen Handlungsalternativen. Im Gehirn, das zeigt uns die Hirnforschung, finden zahlreiche unterschiedliche Typen von Aktivitäten statt – so wie auf der Autobahn auch unterschiedliche Typen von Fahrzeugen unterwegs sind: PKW, Busse, LKW, Motorräder. Und die Autobahn ist im Vergleich zum Gehirn ein ziemlich primitives System. Das Gehirn kann viel großartigere Dinge: die Atmung regulieren, den Nahrungstrieb steuern, Erinnerungen speichern und Überlegungen ausführen. Die zu messende Aktivität vor dem Bewusstwerden einer Entscheidung ist Bestandteil dieser Entscheidung. Offenbar sehen so Überlegungen auf neuronaler Ebene aus – wie z.B. die Überlegung, weiterzuschreiben oder zum Schluss zu kommen: Das Gehirn – oder die Gehirnaktivität – ist kein Beweis gegen, sondern die Voraussetzung für Willensfreiheit. Dem Gehirn sei Dank.

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Meditation ohne Religion

September 24th, 2011

Meditation ist eine gute Methode, um sich zu sammeln und neue Kraft zu schöpfen. Da man sie häufig in Zusammenhang mit religiösen Praktiken erwähnt, entsteht der Eindruck, Meditation würde eine religiöse Einstellung voraussetzen. Für manche hat sie gar den Beigeschmack von verworrener Esoterik. Religiöse oder esoterische Elemente gehören aber keineswegs notwendig zur Meditation dazu. Auch wenn Meditation in Lexika als spirituelle Praxis bezeichnet wird, so ist sie nicht notwendigerweise mit Spiritualität verbunden. Es ist richtig, dass sie in manchen religiösen Praktiken eine Rolle spielt. Aber das gilt auch für das Trinken (Wein, Tee …) oder Essen (Brot). Meditation eignet sich ganz hervorragend als “säkulare” Entspannungstechnik. Spiritualität oder Religion muss dabei keine Rolle spielen.

Darauf haben auch Vertreter einer spirituellen Geisteshaltung hingewiesen, wie der Dalai Lama, oder der Psychologe Jon Kabat-Zinn. Der Philosoph und Neurowissenschaftler Thomas Metzinger empfiehlt zum “richtigen Umgang mit dem Gehirn” auch in Schulen die Einführung in Meditationstechniken als “ideologiefreie und säkularisierte Formen der Selbsterfahrung”. Wenn man nach einem moderneren Ausdruck sucht, schlägt er das Wort “Aufmerksamkeitsmanagement” vor. (Deshalb sollte, so Metzinger, dieser Unterricht auf keinen Fall in die Hände von Religionslehrern gelegt werden. Viel besser geeignet seien beispielsweise Sportlehrer.)

Das Ziel, mit Meditation zu psychischer Ausgeglichenheit und einer Auffrischung der mentalen Kräfte zu gelangen, ist perfekt vereinbar mit einer säkularen Einstellung. Meditation kann zur Entspannung und Regeneration eingesetzt werden, ganz unabhängig davon, ob man religiös ist oder nicht.

Eine so verstandene Meditation strebt denn auch nicht spirituelle Bewusstseinszustände oder religiöse Erkenntnis an, sondern Entspannung und mentale Stärkung. Dass die Meditation für manche Religionsanhänger eine bewusstseinserweiternde Erfahrung hin zu einer höheren religiösen Dimension darstellt, kann man dahingestellt lassen, denn für die eigene Meditationspraxis zur Förderung von Ruhe oder Achtsamkeit ist man ja nicht auf solche weitergehenden Erwartungen angewiesen. Es kann eben – wie so oft im Leben – jeder auf seine Art glücklich werden.

Es gibt denn auch zahlreiche unterschiedliche Meditationsmethoden, die den persönlichen Vorstellungen mal mehr, mal weniger entsprechen. Ob einfache Entspannungstechniken dazugehören, mag jeder für sich selbst entscheiden.

Eine solche recht leicht durchführbare und effektive Methode ist zum Beispiel die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson: dabei wird im mentalen Ruhezustand durch bewusstes An- und Entspannen von Muskeln ein Entspannungszustand herbeigeführt. Der Psychologe Rolf Merkle hat eine CD mit einer Anleitung erstellt, die man gut zur Durchführung dieser Entspannungstechnik benutzen kann. Wer mehr darüber lesen möchte, kann dies auf seiner Webseite tun.

Eine andere, einfache Methode mit ein wenig mehr meditativen Elementen ist die Achtsamkeitsmeditation. Diese ist mittlerweile weit verbreitet, und wird auch von Medizinern, Psychologen und Beratern eingesetzt. Der Psychologe Jon Kabat-Zinn hat sie in seinen Büchern beschrieben und unter anderem auch mit Mitarbeitern des Internetunternehmens Google praktiziert (Link zum YouTube-Video) – eine geradezu paradigmatisch säkulare Anwendungssituation.

Fazit: Schon einfache Entspannungstechniken tragen viel dazu bei, sich mental zu erholen und den Geist ruhig auf essentielle Ziele zu lenken. Dies kann man frei von religiösen oder spirituellen Anforderungen tun.


Weitere Artikel zum Thema Meditation:
Kostenlose Meditationsübungen im Internet
Achtsamkeit im Alltag und in therapeutischen Verfahren

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Sachen schaffen trotz Internet – Tipps gegen Internetsucht

September 15th, 2011

Das Internet schlägt viele von uns in seinen Bann. Dies ist eine Tatsache – unabhängig von der Diskussion über Sinn oder Unsinn des Internet an sich, denn in Schule, Ausbildung und Beruf, aber auch im Privaten zur Erledigung von Formalitäten, für Information und Kommunikation, kommt man kaum, und in Zukunft immer weniger, um das Internet herum.

Was aber, wenn man zu sehr hineingezogen wird, wenn man nicht mehr ausschalten kann, wenn aus ein paar Minuten, um mal eben etwas zu erledigen, ein paar Stunden werden? Wenn man sich fragen muss, ob man der Onlinesucht erlegen ist? Gibt es unüberwindliches Verlangen, durchs Internet zu streifen, und vernachlässigt man dabei andere Dinge, die wichtig sind? Der Psychologe Rolf Merkle hat einen Online-Test erstellt, mit dem man anhand von 20 Fragen eine erste grobe Einschätzung erhält, wie süchtig man ist. Vermutlich wird man aber schon selbst zu der Erkenntnis gelangt sein, wenn zu oft Dinge unerledigt bleiben, wenn zu viele Stunden verloren gingen, wenn man die Flut aus dem Netz nicht recht eindämmen kann.

Wer davon überwältigt ist und wieder ein Stück seiner produktiven Zeit zurückgewinnen will, kann möglicherweise mit der richtigen Motivation Einiges erreichen. Dafür hier 4 Tipps, die helfen, Sachen zu schaffen:


Tipp 1
– die 15-Minuten-Regel:
– Man sucht sich eine Aufgabe von seiner Liste der unerledigten Dinge.
– Man setzt sich eine feste Zeit, in der man konzentriert an dieser Aufgabe arbeitet – z.B. 15 Minuten.
– Man arbeitet konzentriert an der Sache.
– Nach Ablauf der Zeit macht man eine kurze Pause.
Resultat: Man schafft Schritt für Schritt zu erledigende Dinge, und mit jedem Schritt bekommt man ein gutes Gefühl – im direkten Gegensatz zu 15 Minuten verlorener Zeit durch zielloses Internetsurfen.

Tipp 2 – Konkrete Aktionen und Ziele statt Aufgaben formulieren
– Wer eine lange To-Do-Liste hat, verliert leicht das Ziel aus den Augen.
– Es ist sehr hilfreich, konkrete Ziele und Resultate zu formulieren: “Ich werde heute Abend die Steuererklärung gemacht haben”, “ich werde Montag den Artikel einreichen” usw.
– Nicht alle Aufgaben lassen sich so motivationspsychologisch umschreiben, insbesondere Detailschritte zur Erreichung eines größeren Ziels nicht. Dann formuliert man Aufgaben, aber möglichst mit dem betreffenden Verb, das die auszuführende Aktion beschreibt: “Update installieren”, “Gebühr überweisen”, usw.

Tipp 3 – Ziele visualisieren
– Ein Klassiker der Motivationstechnik: stellen Sie sich vor, Sie haben die Aufgabe erledigt. Wer angestrebte Ziele visualisiert, erhält einen guten Motivationskick, mit der Sache anzufangen, und bei der Sache zu bleiben.

Tipp 4 – Ziele in Frageform formulieren
– Eine psychologische Studie hat herausgefunden, dass Probanden, die ihre Ziele in Frageform formulierten, insgesamt mehr von dem erledigten, was sie sich vorgenommen hatten. “Werde ich heute Abend den Antrag fertighaben?”, “Werde ich heute die beiden lästigen Telefonate führen?”
– Ein wenig scheint dieser Tipp den Ausführungen in Tipp 4 zu widersprechen. Ich bin mir nicht sicher, was bessere Resultate produziert. Wer Interesse hat, kann Tipp 4 ja mal ausprobieren.

Und schließlich noch eine Binsenweisheit – was ja nicht immer das Schlechteste ist: einfach mal rausgehen, den Computer und das Handy auslassen oder ignorieren, Kino, Treffen mit Freunden, Zeit mit der Familie, Sport oder was immer ansteht, genießen – und die Akkus werden wieder ein Stück aufgeladen.

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Willensstärke – Selbstkontrolle für ein gelingendes Leben

September 10th, 2011

Steven Pinker, Professor für Psychologie an der Harvard Universität, ist nicht nur für seine wissenschaftlichen Beiträge bekannt, sondern auch als Autor zahlreicher populärwissenschatlicher Bücher, in denen er Resultate der Hirnforschung, Psychologie und Philosophie einem breiten Publikum verständlich erklärt. Er schreibt auch häufig Artikel für große Zeitschriften und Zeitungen, wie zuletzt wieder für die New York Times unter den Titel “Das süße Geheimnis der Selbstkontrolle” (Englisch).

In diesem letzten Artikel geht es aber nicht um eines seiner eigenen Bücher. Diesmal empfiehlt Pinker ein neues Buch über Willensstärke, dass der Psychologe Roy Baumeister zusammen mit dem Wissenschaftsjournalisten John Tierney geschrieben hat.

Willensstärke, Selbstkontrolle – das klingt wie das Vokabular eines lustfeindlichen, hölzernen Moralpredigers, der steife Disziplin fordert, die völlig unrealistisch ist. Aber man kommt kaum umhin, zuzugeben, dass wir häufiger und stärker als je zuvor erleben, dass dies Fähigkeiten sind, die uns aus dem Teufelskreis der menschengemachten Ablenkungen und Selbstschädigungen herausführen könnten: im Alltag haben wir enorme Schwierigkeiten, weniger zu essen, zu trinken und zu konsumieren; wir kommen nicht vom Fernseher oder vom Computer los, und sind abhängig von Alkohol, Nikotin oder sogar Kokain. Was ist los mit unserer Fähigkeit, unser Leben in den Griff zu bekommen, und die schlechten oder maßlos übertriebenen Angewohnheiten einzugrenzen?

Baumeister hat herausgefunden, dass Willensstärke ähnlich wie ein Muskel ist. Das hat zwei Konsequenzen. Zum einen ermüdet der Wille nach einer Anstrengung, und dann übt man ziemlich sicher weniger Kontrolle über sich selbst aus.

Andererseits kann Selbstkontrolle aber auch trainiert werden. Dies sollte man am besten in kleinen und regelmäßigen Einheiten tun. Auf keinen Fall sollte man gleich die große Verhaltensänderung bei allen schlechten Angewohnheiten gleichzeitig in Angriff nehmen – denn dabei ist das Scheitern und die Überforderung der Willensstärke vorprogrammiert. Und man sollte auch nicht gleich als erste Trainingsaufgabe eine Diät beginnen – denn der Wille braucht Zucker, nicht nur sprichwörtlich.
Lieber kleine Schritte, die aber regelmäßig – diese oft empfohlene Faustformel ist psychologisch gut untermauert.

Außerdem hilft es, Gelegenheiten, die einen Entschluss gefährden, zu meiden. “Fessele dich an den Mast wie Odysseus oder stopf dir Wachs in die Ohren”, so diese Empfehlung in Pinkers Worten.

Willensstärke, Willenskraft, Motivation oder Selbstkontrolle ist der wichtigste Faktor für ein erfolgreiches und zufriedenstellendes Leben – das zeigt die psychologische Forschung. Es sieht so aus, als seien Senecas stoische Lebenstipps gar nicht so weltfremd, wie seine Gegner unken. Es kommt darauf an, sie in ein realistisches Lebenskonzept einzubetten, ohne in puritanische Moralistik zu verfallen. Dieser Unterschied ist entscheidend: das eine ist das Gute, das andere ist unrealistsich und schädlich.

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