Archive for the ‘Psyche’ category

Zitat am Abend

February 16th, 2010

please do not be cynical. i hate cynicism. for the record, it’s my least favorite quality, it doesn’t lead anywhere.” (Conan O’Brien)
Hier gefunden.

“Alles ist Scheiße”

February 14th, 2010

Bei Jason Kottke, einem der prominetesten amerikanischen Blogger, habe ich einen Beitrag mit der großartigen Überschrift “Everything sucks and we’re all bitter” gefunden. Dort zitiert er zunächst Mark Morford, einen Kolumnisten bei SFGate, dem Online-Ableger des San Francisco Chronicle, aus dessen Artikel “Why are you so terribly disappointing?“:

Morford beschreibt ironisch, fast schon sarkastisch, wie miserabel alles ist und dass wir genau dies den lieben langen Tag erwarten und runterbeten: Nichts funktioniert; man hat nichts Schickes anzuziehen; der Verkehr ist ein Graus; der Klimawandel immer noch nicht da; soll das wirklich schon alles sein?; Sex ist frustrierend; der Computer lahm; meine Partei hat versagt; und dann dieses bescheuerte Wetter! Alles ist enttäuschend, und wir nutzen jede Gelegenheit, dies rauszuzlassen. Man muss nur in die Blogkommentare, Zeitungsartikel, Leserbriefe schauen, um zu sehen, wie gehässig wir geworden sind. Wir sind in Enttäuschung erstarrt. Sie lässt uns nichts Anderes mehr als Mängel überall sehen, vergiftet unser Herz und zieht uns immer weiter runter. Das hat Morford schön launisch beschrieben (der Artikel erschien auch bei der Huffington Post).

Ein weiterer Link aus Kottkes Blogposting geht in die gleiche Richtung: Der amerikanische Comedian Louis CK nimmt in der Talkshow von Conan O’Brien unsere überzogenen Erwartungen und unsere Dauernörgeleien bezüglich Technik auf die Schippe. “Was? Dein Flug hat unendliche fünf Stunden gedauert? Mann! Früher hättest du für diese Reise 30 Jahre gebraucht.” Es gibt ein Zuviel an negativer Einstellung, und wir sollten in Vielem, über das wir urteilen, sowohl realistischer als auch leichter werden, um uns selbst und unseren Mitmenschen nicht in banalen Alltagsdingen die Hölle heiß zu machen.

Stress lass nach! Das Leben vereinfachen

February 7th, 2010

Als “Digital Native”, der beinahe täglich eine Flut von Informationen aus dem Internet aufnimmt und verarbeitet, der immer mehrere Projekte gleichzeitig bearbeitet und im sogenannten richtigen Leben (ich trenne die “virtuelle” und die “reale” Arbeit schon lange nicht mehr; das tut ein Journalist, ein Lokführer oder ein Kundenberater ja auch nicht) – also der auch im privaten Alltag als Vater, Freund, Hausbewohner, Autobesitzer und so weiter eine Unmenge Dinge immer wieder neu zu erledigen hat, verliert man schon mal den Überblick. Schlimmer noch, manchmal hat man regelrecht das Gefühl, unterzugehen.

Seit einem Jahr versuche ich zielgerichtet, mein Leben zu entrümpeln, Aufgaben zu vereinfachen, Kram loszuwerden und vor allem, Stress und Unzufriedenheit über den Moloch “Pflichten” abzubauen. Kein Projekt für einen Tag! Was sich in 20 Jahren an Gerümpel ansammelt, und welche Gewohnheiten sich eingeschlichen haben, die das Wirrwarr beständig vergrößern, macht das Vereinfachungsprojekt zu einer Großtat. Jedenfalls bei mir, der sich nur zu gern von neuen Ideen, Informationen und Gelegenheiten ablenken lässt. Folglich habe ich mir vorgenommen: “Keinen Stress mit dem Stressabbau – aber bleib am Ball! Geh einfach Schritt für Schritt vor.”
Hier nun die acht Regeln, die ich im Großen und Ganzen bei meinem Schritt-für-Schritt-Projekt anwende – nicht dauernd, und natürlich erst recht nicht alles gleichzeitig. Ich versuche immer wieder, mich daran zu erinnern, eine Regel auszuwählen, bei der ein kleiner Erfolg in überrschaubarer Zeit möglich ist, und einfach loszulegen:

1. Information Overflow reduzieren
E-Mail, Internet, Fernsehen, Zeitung – ein ständiges Bombardement mit Nachrichten und Unterhaltung. Hat man erst mal nur einen Blick riskiert, vermehrt sich auf wundersame Weise das Angebot, dass hinter dem nächsten Link oder einem weiteren Kanal wartet. So rinnt einem schnell die Zeit durch die Finger, während man sich einen neuen Haufen an Informationen ins Gehirn lädt. Die Aufmerksamkeit zerfasert. Die Masse macht’s: ab einem bestimmten Grad ist die ruhige Konzentration auf die wichtigsten Prioritäten dahin. Darum: die Zeit für diese Medien kontrollieren – und ab und zu einfach mal Schluss machen. Die Kiste abstellen. Man kann sowieso nicht alles weglesen oder -sehen. Genauso wichtig: der Zeit, in der man andere Aufgaben wahrnimmt (Haushalt ist so ein Ding) oder sich entspannt, besondere Aufmerksamkeit widmen.

2. Den Zeitpunkt zum Schlafengehen nicht verpassen
Mal abgesehen davon, dass Schlafexperten sowieso dazu raten, vor dem Schlafen nicht mehr am Computer oder vorm Fernseher zu sitzen (was ich kaum einhalte), ist es oft schwer, ein Ende zu finden, wenn man in dem Moment keine Verpflichtungen hat. Und schnell hat man sein Limit überzogen, schläft zu wenig, schläft vielleicht schlecht, am nächsten Tag das gleiche Spiel usw. Da bauen sich gehörige Defizite auf, die an die Substanz gehen. Versucht man dagegen, regelmäßige Schlafzeiten einzuhalten, steigt die Erholung, und das schlechte Gewissen hat einen Anklagepunkt weniger.

3. Zeug wegschmeissen und nicht unnötiges neues Zeug anschaffen
Ein Zen-Klassiker, schlicht und wahr. Der Ballast, den wir mit uns rumschleppen, macht es in der Gesamtheit nun wirklich nicht einfacher. Außerdem liegt er überall im Weg, staubt voll, veraltet und verliert an Wert, und was man sucht wird nicht gefunden. Weniger ist mehr! Es kostet anfangs viel Überwindung, Bücher, Kleidung, Geschirr, Zettel (aber auch Software, Links, Dateien) loszuwerden. Menschen, die nicht zur Radikalkur neigen, müssen diesen Kampf einfach nur entspannt aufnehmen, immer wieder aufs Neue: mal hier eine Ecke entrümpeln, mal jene Schublade kontrollieren, das eine oder andere Buch verschenken, verkaufen oder ins Altpapier befördern.

4. To-Do: eine Aufgabenliste führen
Wichtige Aufgaben aufschreiben – was man schwarz auf weiß hat, belastet den Kopf nicht. Zwar kann man aus dem Management von Aufgaben eine Wissenschaft machen, wie die zahllosen Ratgeber zu diesem Thema belegen. Aber ich habe es über Jahre nicht geschafft, die notwendige Disziplin aufzubringen, so ein anspruchsvolles Management durchzuhalten. Stattdessen führe ich eine Liste in einer Textdatei, in der alle wichtigen Aufgaben enthalten sind – grob nach Sachbereichen geordnet. Daraus schreibe ich mir auf einen kleinen Zettel die Punkte, die ich aktuell, also heute, spätestens morgen, erledigen will. Die Aufgaben, die neu dazukommen, werden entweder auf dem kleinen Zettel mit abgearbeitet, oder kommen in die große Liste.

5. Wunschliste führen
Für Wünsche und notwendige Anschaffungen eignet sich ebenfalls eine Liste, die man abspeichern und bearbeiten kann. Dabei hilft Regel Nummer 3 ungemein, diese Liste überschaubar zu halten.

6. Kein Multitasking. Konzentrier dich auf eine Sache
Multitasking funktioniert nicht beim Menschen, weder bei Frauen, noch bei Männern. Immer nur eine Sache zur Zeit machen! Das reduziert die mentale Belastung und führt zu konkreten Ergebnissen. Da die Aufgaben, die momentan nicht berabeitet werden, auf der Liste stehen (Regel 4), kann man sich beruhigt auf das konzentrieren, was man gerade macht.

7. Entspannen
Es ist wichtig für die mentale Gesundheit und ein gutes Gefühl, Phasen der Ruhe und Entspannung einzuhalten. Computerspiele, Internet und ähnliche Beschäftigungen zählen nicht, auch wenn sie ebenfalls ihren Platz haben – das gehört aber in die Abteilung Unterhaltung, Ablenkung usw.
Wie man Ruhe genießt und sich entspannt, ist individuell verschieden. Eine meditative Möglichkeit für Erwachsene, ohne Hokuspokus und Esoterik, stellt die Progressive Muskelentspannung dar. (Eine gute Anleitungs-CD gibt es beispielsweise vom PAL-Verlag für ca. 11 Euro: Tiefenentspannung nach Jacobson.) Die Methode ist einfach und leicht durchzuführen – nach einer Viertelstunde fühlt man sich entspannt, allein schon, weil man Geist und Körper in dieser Zeit vom Stress befreit hat.

8. Mach dir bewusst, was du geschafft hast
Arbeit ohne Ende – der Mythos von Sisyphos. Um mentale Kraft zu tanken ist es gut, sich zu vergegenwärtigen, was man bislang geschafft hat. Ob Eltern, Programmierer, Lehrer, Manager, usw. – leicht ist man in der Situation, dass man sich von der Masse der Verpflichtungen erdrückt fühlt. Natürlich wäre es gut, wenn man Überlastung vermeiden kann. Aber auf gar keinen Fall darf das Selbstvertrauen darunter leiden, dass man den Eindruck hat, dass man nichts schafft. Das Gegenteil ist der Fall. Man rackert sich von morgens bis abends ab – es ist gut, wenn man jeden Tag zwischendurch mal zurückblickt und sich auf die Schulter dafür klopft, was man heute schon wieder alles getan hat. Das stärkt das Selbstvertrauen. Gerade in stressigen Situationen muss man die eigene Leistung ins rechte Licht rücken – die ist nämlich beachtlich!

Vereinfachung – “Entrümpelung” – hilft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und vor allem, dabei nicht psychisch in die Knie zu gehen. Man muss Ballast loswerden, Schritt für Schritt vorgehen und statt sich mit Multitasking und Selbstvorwürfen zu zermürben, muss man auch Gelegenheiten schaffen, die Seele baumeln zu lassen und seine eigenen Leistungen positiv zu sehen. Das ist viel gesünder, macht zufriedener und vielleicht sogar – als Nebeneffekt, der aber nicht im Mittelpunkt steht – ein bisschen effizienter.

Optimismus mit Schopenhauer

February 4th, 2010

Ausgerechnet Schopenhauer als Ratgeber für eine optimistische Sichtweise? Das scheint ein Widerspruch zu sein!

Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer ist allgemein bekannt als Pessimist. Seinen scharfsinnigen, nüchternen Schlussfolgerungen und Formulierungen zollen viele bedeutende Philosophen Respekt, doch seiner negativen Einschätzung der Wirklichkeit schließen sich nur die wenigsten an. Stattdessen der Vorwurf: Er sei ein Misanthrop, und seine Griesgrämigkeit übertrieben und unnötig. Daran ist viel wahr.

Dennoch hat uns Schopenhauer einen großen Gefallen getan. Indem er zeigte, was die größten Irrtümer auf der Suche nach dem Glück sind (Reichtum, Macht, Eitelkeit …) und einen vorgegebenen, positiven Sinn des Universums leugnete, hat er unsere Illusionen deutlich und nüchtern aufgezählt. Auf deren Verwirklichung brauchen wir uns keine realistische Hoffnung zu machen: Dass man mit Reichtum oder Ehrgeiz glücklich wird, dass es eine übergeordnete metaphysische Instanz gibt, die die Welt zum Guten eingerichtet hat und darauf achtet, dass jeder guten Seele ein friedliches und gutes Leben beschieden ist, ist offenkundig nicht wahr. Gewalt, Elend, Krankheit, Einsamkeit strafen jede rosarote Weltsicht lügen.

Dass es aber unerträglich ist, in Sack und Asche zu gehen, dass die menschliche Psyche unter einer so deprimierenden Aussicht zusammenbrechen muss, wenn es keine Mittel und Wege gibt, etwas für das Glück zu tun, das wusste auch Schopenhauer (der ja nicht die Ursache dieser Situation, wie er sie sieht, ist, sondern sie nur aufrichtig und realistisch beschrieben hat). Der Wunsch, glücklich zu sein, war Schopenhauer ganz und gar nicht fremd; er war nur ernüchtert über die Möglichkeiten, diesen Wunsch zu verwirklichen.

Den leeren metaphysischen Glücksversprechungen und den Irrtümern und Illusionen der Menschen konnte man nicht vertrauen, um zuverlässig glücklich zu werden. Vielmehr muss man seine physischen und psychischen Möglichkeiten schon realistisch einschätzen, um dahin zu kommen. Dass der Mensch dieses Glücksbedürfnis (und andere emotionale und soziale Bedürfnisse) hat, stand für Schopenhauer außer Frage. Seine psychologischen Analysen sind heute noch bemerkenswert realistisch und treffend.

Und so können wir uns heute Schopenhauers Bemerkungen ganz anders zu eigen machen. Seinen Pessimismus und die scheinbare Griesgrämigkeit brauchen wir nicht zu teilen. Sie lassen sich verstehen als eine Reaktion auf die Luftschlösser und falschen Versprechungen der Philosophen und Theologen seiner Zeit. Es gibt eine großartige Textstelle in den “Aphorismen zur Lebensweisheit” – eine der populärsten Schriften Schopenhauers – , die seine gar nicht so unfreundliche, aber realistische psychologische Sichtweise belegt und die uns zeigt, welche positiven psychischen Faktoren wichtig sind, um uns zu motivieren und Lebensfreude zu empfinden, ohne dass man sich dazu in Illusionen verlieren muss:

“Was nun aber … uns am unmittelbarsten beglückt, ist die Heiterkeit des Sinnes: denn diese gute Eigenschaft belohnt sich augenblicklich selbst. Wer eben fröhlich ist hat allemal Ursache es zu sein: nämlich eben diese, daß er es ist. Nichts kann so sehr, wie diese Eigenschaft, jedes andere Gut vollkommen ersetzen; während sie selbst durch nichts zu ersetzen ist. Einer sei, jung, schön, reich und geehrt; so fragt sich, wenn man sein Glück beurteilen will, ob er dabei heiter sei: ist er hingegen heiter, so ist es einerlei, ob er jung oder alt, gerade oder bucklig, arm oder reich sei; er ist glücklich. In früher Jugend machte ich einmal ein altes Buch auf, und da stand: »wer viel lacht ist glücklich, und wer viel weint ist unglücklich« – eine sehr einfältige Bemerkung, die ich aber, wegen ihrer einfachen Wahrheit, doch nicht habe vergessen können, so sehr sie auch der Superlativ eines Trueism’s ist. Dieserwegen also sollen wir der Heiterkeit, wenn immer sie sich einstellt, Tür und Tor öffnen: denn sie kommt nie zur unrechten Zeit; statt daß wir oft Bedenken tragen, ihr Eingang zu gestatten, indem wir erst wissen wollen, ob wir denn auch wohl in jeder Hinsicht Ursache haben, zufrieden zu sein; oder auch, weil wir fliehten, in unsern ernsthaften Überlegungen und wichtigen Sorgen dadurch gestört zu werden: allein was wir durch diese bessern, ist sehr ungewiß; hingegen ist Heiterkeit unmittelbarer Gewinn. Sie allein ist gleichsam die bare Münze des Glückes und nicht wie alles andere, bloß der Bankzettel; weil nur sie unmittelbar in der Gegenwart beglückt; weshalb sie das höchste Gut ist für Wesen, deren Wirklichkeit die Form einer unheilbaren Gegenwart zwischen zwei unendlichen Zeiten hat. Demnach sollten wir die Erwerbung und Beförderung dieses Gutes jedem andern Trachten vorsetzen.”

Um optimistisch zu sein, muss man realistisch sein. Illusionen und falsche Versprechungen sind keine wirkliche Hilfe. Ebensowenig ist ein dauernder Pessimismus von Nutzen. Er ist ebenso unrealistisch wie der überzogene Optimismus. Menschen machen sich Hoffnungen, und dazu dürfen sie sich ruhig positiv motivieren, ohne Angst zu haben, dadurch “in unseren wichtigen Sorgen gestört zu werden.” Man muss nur auf dem Boden bleiben, wozu Realismus und Optimismus am besten geeignet sind.
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Was ist schlecht am positiven Denken? Teil 2

January 27th, 2010
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Image by hotblack, morgueFile.com

Positives Denken – schlecht gemacht
Diese Überschrift kann man im zweifachen Sinn verstehen: man kann positives Denken schlecht ausführen, und man kann es diskreditieren.

Das positive Denken ist nicht ohne seine Kritiker, und die Kritik ist leider oft berechtigt. Manchmal dagegen schießt sie über das Ziel hinaus und schüttet das Kind mit dem Bade aus. Sie entzündet sich an überzogenen und unrealistischen Versprechungen, die bei Lebenspraxistipps in der Tat weit verbreitet sind. Betrachtet man die Sache nüchtern, so ist es eine logische und psychologische Tatsache, dass wir nur die Option haben, etwas entweder positiv oder negativ zu bewerten. Negative Wertungen können aber leicht eine Eigendynamik hin zu einer negativen Sichtweise entwickeln, die uns immer weiter runterzieht. Zwar gibt es prominente Befürworter des negativen Denkens wie Paul Watzlawick, der in seiner “Anleitung zum Unglücklichsein” zahlreiche (ironische) Tipps zum vollkommenen Schwarzsehen aufzählt, es ist aber insgesamt gesünder, dem Zirkel des negativen Denkens Einhalt zu gebieten und zu einer ebenso realistischen wie positiven Sicht der eigenen Fähigkeiten zu kommen. Gerade deshalb ist es wichtig, festzuhalten, welche falschen Erwartungen und falschen Versprechungen leider immer wieder mit dem positiven Denken verbunden werden, damit man nicht diesen Fehlern aufsitzt und letztlich eine herbe Enttäuschung erlebt.

Positives Denken als Illusion
Positives Denken besitzt keine magischen Kräfte. Durch bloße gedachte oder gesprochene Affirmationen (positiv wertende Aussagen) ändert sich die Realität nicht: Krankheit, Arbeitslosigkeit, sozialer oder beruflicher Stress lösen sich nicht einfach in Luft auf, indem man sich in Illusionen hineinsteigert, wie man es gelegentlich in reißerischen Coachingveranstaltungen oder Esoterikleitfäden findet. Weder eine Überfliegerkarriere mit rotem Ferrari vor der Tür noch magische Lebensveränderung sind realistische Gegenstände positiven Denkens. Dagegen kann es sehr wohl helfen, die negativen Aspekte der Wirklichkeit besser zu meistern, und Mut zu fassen, für sich selbst etwas an den Verhältnissen zu ändern.

Positives Denken kann also niemals wie durch Zauberhand Wünsche erfüllen. Es ist nichts weiter, als ein natürlicher Modus des Denkens und Bewertens. Die Dynamik des negativen Denkens hat eine selbstverstärkende Tendenz, aus dem Ruder zu laufen. Um Selbstvertrauen und Optimismus zu stärken, muss man dass Dauerfeuer negativer Gedanken unterbinden, und kann diesen Prozess mit bewusst gewählten positiven Aussagen unterstützen. Aber man sollte es vermeiden, hohle Floskeln vor sich herzusagen, die nicht authentisch sind und die nicht von der Bereitschaft begleitet werden, an den eigenen Bewertungen etwas zu ändern und sein Leben in die Hand zu nehmen.
Wer nur seinen Mitmenschen vorbetet, ihm ginge es von Tag zu Tag besser, ohne an den eigenen Einstellungen und Umständen etwas zu ändern (wozu in schwierigen Lebenslagen auch professionelle therapeutische Hilfe in Betracht gezogen werden sollte), der wird nach einiger Zeit wohlmöglich immer noch auf demselben Fleck stehen – um eine bittere Enttäuschung reicher.

Eine im Jahr 2009 im Fachjournal Psychological Science veröffentlichte Studie stellte fest, dass positives Denken in bestimmten Situationen für Menschen mit geringem Selbstvertrauen ein Risiko darstellt. Das Echo auf diese Veröffentlichung war in Deutschland recht positiv. Sogar der Spiegel triumphierte, dass positives Denken gar nicht so positiv sei. Vor dem Hintergrund esoterischer Heilsversprechen und reißerischer Karrieretipps mancher Managementberater, die in den Jahren zuvor in der Öffentlichkeit eine gewisse Prominenz erlebten, war das ernüchternde Ergebnis dieser Studie eine Genugtuung für die Kritiker dieser ach so positiven Erfolgsstrategien. Welche Ergebnisse hatte die besagte Studie geliefert? Ihr Urteil war differenziert. Ein Teil der Probanden profitierte bei der Lösung einer Aufgabe durch positives Denken. Diejenigen Probanden aber, die ein geringes Selbstwertgefühl hatten, fühlten sich durch die positiven Aussagen, die sie sich vorsagen sollten, überfordert. Sie empfanden diese Aussagen als unehrlich, was ihr Unbehagen und ihre Selbstzweifel vergrößerte. Sie gingen unglücklicher aus dem Test hervor, als sie es vorher waren.

Aus diesem Ergebnis lässt sich eine ganz klare Aussage ableiten: unrealistische Suggestionen, die die Erfahrungen und Gefühle der Beteiligten ignorieren, helfen nicht. Unter Umständen schaden sie sogar. Aber das ist nichts, was logisch und notwendig mit dem positiven Denken verbunden ist. Im Gegenteil. Man muss in solchen Fällen eher schlicht von unrealistischem, illusionärem Denken reden. Eine realistische Einschätzung der Wirklichkeit sowie eine sorgfältige Berücksichtigung der psychischen Befindlichkeit eines Menschen muss eine Selbstverständlichkeit sein. Humanistisch orientierte Psychologen, Philosophen und Berater arbeiten immer unter dieser Voraussetzung, weil die authentischen Bedürfnisse eines Individuums anders gar nicht zur Geltung kommen.

Außerdem sind negative Gedanken und Gefühle auch berechtigt (dazu will ich in einem späteren Beitrag mehr schreiben). Trauer, Sorge, Wut, Zweifel gehören zur Realität, und wie wir gesehen haben, hat es gar keinen Sinn, die Realität zu leugnen. Es wird nur dann wichtig, positive Gedanken zu betonen, wenn das innere Gleichgewicht verloren gegangen ist und die Psyche in einen Strudel negativer Gedanken, in eine Abwärtsspirale der Selbstzweifel geraten ist.

Positives Denken als Usurpation (Unterdrückung)
Der größte Vorwurf der Kritiker ist der, dass positives Denken dazu missbraucht wird, diejenigen, die unter einer unvorteilhaften Situation leiden, dazu zu bewegen, sich in ihr Schicksal zu fügen. Das führt dazu, dass Missstände zementiert statt behoben werden und die Betroffenen die Schuld für ihr eigenes Unglück bei sich selbst suchen. Die Aufforderung, angesichts einer schwer erträglichen Situation zu lächeln, ohne dass auf die Gefühle und Erfahrungen der Betroffenen eingegangen wird und keine Möglichkeit besteht, die Situation neu zu bewerten und eventuell zu ändern, ist eine psychologische Zumutung. In den schlimmsten Fällen kann die Aufforderung, eine Situation, in der man leidet, positiv zu sehen, eine niederträchtige Demütigung (Amazon-Link) sein, die nur noch ohnmächtiger macht. Wir kennen das aus Fällen psychologischen Missbrauchs. Und auch in politischen Diktaturen ist dies ein gebräuchliches Mittel – man muss sich nur an die totalitären Systeme des 20. Jahrunderts erinnern oder an George Orwells eindrucksvolles Buch „1984“.

„Positives Denken“ als Mittel der Manipulation in unsymmetrischen Machtgefügen ist pervers. Es ist missbräuchlich und entwürdigend, wenn Individuen mit dem Vorwurf der grundlosen Unzufriedenheit die Möglichkeit genommen wird, ihre eigene Stimme vernehmlich zu machen und frei von Angst ihre Erlebnisse und Gefühle zu bewerten. Dies gilt im Großen (Politik), im mittleren Bereich (beispielsweise Berufsleben) und im „Kleinen“ (Privatleben, Familie, Beziehungen).

Dieser Etikettenschwindel mit dem positiven Denken ist der Missbrauch einer natürlichen Ressource, die Menschen zur Verfügung steht, um ihre Umwelt zu bewerten und zu ändern. Da, wo Menschen ihre eigenen Zwecke überhaupt nicht mehr in Erwägung ziehen können, herrscht Unfreiheit. Wenn dann auch noch ein Zwang zum Lächeln besteht, ist die psychische Ohnmacht fast ausweglos.

Eine solche Methode ist nicht positiv im Sinne des Individuums, sondern manipulativ. Das Argument, dass positives Denken grundsätzlich soziale und andere Missstände zementiere, ist jedoch logisch einfach falsch. Selbst der Rebell in der sozialen Gruppe oder der Revolutionär brauchen positives Denken, um aus ihrer Unzufriedenheit heraus ein mögliches Ziel der Veränderung zu entwerfen. Um die Kraft zu finden, in widrigen Umständen zu überleben, sie zu bewerten und Schritte zu ihrer Verbesserung zu entwerfen, braucht man Kraft, braucht man Lebensmut. Wolf Biermann sagte bei seinem Auftritt 1976 in der Kölner Sporthalle, der für die SED zum Anlass seiner Ausbürgerung aus der DDR herhalten musste: “Die Ermutiger brauchen auch Ermutigung.

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Mehr aus dieser Serie:
Was ist schlecht am positiven Denken? Teil 1

Was ist schlecht am positiven Denken? Teil 1

January 13th, 2010
laugh

Image: federico stevanin / FreeDigitalPhotos.net

“Nun, gezweifelt ist genug.” Goethe

Es ist nicht immer leicht, den Kopf über Wasser zu halten und optimistisch die großen und kleinen Aufgaben des Alltags zu bewältigen. Es gibt genügend Ereignisse, die uns die Laune verderben oder den Mut nehmen. Besonders hinterhältig an solchen negativen Erfahrungen ist, dass sie uns leicht in eine motivationale Abwärtsspirale befördern. Alltägliche ebenso wie unvorhergesehene Stressfaktoren erscheinen größer oder sogar unüberwindbar, wenn man bereits emotional oder psychisch angeschlagen ist.

Ist die Stimmung genügend weit im Keller oder das Selbstbewusstsein angegraben, wird selbst die sprichwörtliche Mücke zum Elefanten. Jedoch – man kann was tun!

Das vielgeschmähte positive Denken ist die natürliche Medizin, um das Selbstvertrauen zu stärken und den Optimismus zu erzeugen, den man braucht, um Dinge geregelt zu kriegen. Gurus und hochbezahlte Motivationsstars haben das positive Denken in Misskredit gebracht. Man muss sich davon nicht irritieren lassen – es handelt sich um klare Fälle von Fehlanwendungen, die bei fast allen segensreichen Mitteln, die den Menschen zur Verfügung stehen, eine Gefahr sind. Welches und wieviel positives Denken gut ist – dazu werde ich hier eine kleine Artikelserie schreiben.

Zunächst bleibt festzuhalten, dass die einzige angemessene Antwort auf negative Gefühle und Gedanken eine realistisch-positive Einstellung ist. Wer realistisch ist und  positiv denkt, kann viel gewinnen (angesichts von verbreiteten zwischenmenschlichen Atmosphärenstörungen und zunehmenden seelischen Leiden geht es oft eher um ein Zurückgewinnen.)

Training lautet die Devise. Es gilt, die Aufmerksamkeit auf positive Ziele, positive Erlebnisse und die eigenen Stärken zu lenken – und vor allem, indem man die Endlosschleife der negativen Gefühle unterbricht. Selbstvertrauen kann man fördern, indem man bewusst die Mühle der Selbstzweifel unterbindet, innerlich gute Bilder visualisiert (denken sie an einen Schmetterling, eine Blumenwiese – an irgendetwas Harmloses) und sich darin übt, sich selbst zu akzeptieren. Man muss eine tägliche Routine entwickeln, gut von sich selbst zu denken und positive Ereignisse wahrzunehmen und zu erinnern. Dies ist auch das Ziel von psychotherapeutischen Methoden wie der kognitiven Verhaltenstherapie, die bei psychischen Leiden zu den erfolgreichsten Verfahren gehört.

Über Vorteile und Fallstricke des positiven Denkens, Kritik und Realismus, Philosophie und Psychologie werde ich auf diesem Weblog in den nächsten Wochen schreiben. Oberflächliche Forderungen, “einfach positiv” zu sein und zu lächeln, haben mich lange gestört. Warum solche Rezepte nicht taugen, und wo die Kritik daran auch nicht weiterführt, werde ich im nächsten Teil erläutern.

(Image courtesy of : federico stevanin / FreeDigitalPhotos.net)

Hier geht es weiter:
Was ist schlecht am positiven Denken? Teil 2