Posts Tagged ‘Optimismus’

Positiv – und realistisch!

June 28th, 2010

Der Unterschied zwischen mancher Medizin und einem Gift liegt in der Dosis. Dass Vieles, was wir im Leben tun, eine Frage der Ausgewogenheit und des richtigen Maßes ist, gerät erstaunlich oft in Vergessenheit.

So sind denn auch viele Polemiken und Kritiken rund um Pessimismus und Optimismus in einer Weise unausgewogen, dass sie kein brauchbares Ergebnis liefern. Positives Denken wird durch reißerische und großspurige Versprechungen diskreditiert – denn quasi-magische Verheißungen sind nicht nur unbrauchbar, sondern schädlich.
Die pauschale Kritik einer positiven Einstellung auf der anderen Seite ignoriert die Struktur unserer emotionalen und psychischen Ausstattung und verrennt sich nicht selten in eine völlig unplausible Metaphysik, die letztlich nur ein negatives Spiegelbild des unrealistischen Optimismus ist.

Barbara Fredrickson, Professorin für Psychologie an der University of North Carolina, untersucht seit Jahren in empirischen Studien Methoden und Auswirkungen der Förderung positiver Emotionen. In ihrem Buch “Positivity” beschreibt sie, wie Freude, Gesundheit und Kreativität durch positive Einstellungen gefördert werden können, und unterstreicht dabei, dass Aufrichtigkeit und Realismus eine unabdingbare Voraussetzung dafür sind.

In diesem Video der University of North Carolina fasst sie im Interview einige wichtige Elemente ihres Buches zusammen:

Zwei Ausschnitte daraus habe ich hier übersetzt, weil sie wirklich gut die nüchterne Perspektive auf den Nutzen einer positiven Einstellung darstellen:

Ca. ab 2:50 min: “Ich glaube nicht, dass es gesund ist, sich dazu zu zwingen, positiv zu sein. Das kann nach hinten losgehen und zu wirklich vergifteter Unaufrichtigkeit führen. Was nach meiner Feststellung besser ist, ist es, sich locker eine positive Haltung anzueignen, das heißt offen zu sein, anerkennend, neugierig und freundlich – aber vor allem, realistisch zu sein.

Ca. ab 3:55 min:”Wir werden Negativität nie beseitigen. Tatsächlich ist es auch gar nicht gesund, dies zu versuchen. … Andererseits jedoch ist viel von unserer Negativität sinnlos, und es könnte uns allen besser gehen, wenn wir unsere Negativität im Zaum halten, indem wir jene mentale Gewohnheiten hinterfragen, die Öl ins Feuer gießen.

Die richtige Balance zwischen positivem und negativem Denken

February 23rd, 2010

Glasses“An den Pessimismus gewöhnt man sich zuletzt wie an ein zu enges Sakko, das sich nicht mehr ändern lässt.” (André Gide)

Negatives Denken kann sich wie ein Schleier über alles legen, was man denkt, fühlt und erlebt. Es wirkt wie ein Filter, der die positiven Elemente abschwächt oder sogar ganz verdeckt. Darüberhinaus ist das Negative psychologisch meistens wirkungsvoller als das Positive, das schneller verblasst. Angst ist eine evolutionäre Strategie, Gefahren zu vermeiden. Sie ist ein entwicklungsgeschichtlich alter, tiefverwurzelter Mechanismus bei Tier und Mensch. Das darüber Gelernte ist sehr lange abrufbar – und wenn es abgerufen wird, so geschieht dies rasend schnell und meistens nicht kontrollierbar, sondern unbewusst.
Es ist idiotisch, wenn man sich freiwillig beim negativen Denken aufhällt, weil es lähmt und runterzieht. Motivation und Lebensfreude sind optimistisch. Sie sind der Treibstoff, der uns Aufgaben in Angriff nehmen lässt. Positives Denken hilft, Verzagtheit zu überwinden.

Der Streit um das Für und Wider von Pessimismus und Optimismus, von negativer und positiver Einstellung, ist uralt. Die Vorwürfe, die man dem Optimismus macht, sind auf den ersten Blick scharfsinnig und realistisch: Optimisten wandeln auf Wolken und verkennen die Realität. Sie gehen mit ihren Seifenblasen auf die Nerven. Im schlimmsten Fall unterlassen sie in ihrer rosaroten Ignoranz die notwendigen Vorkehrungen zur Abwendung schädlicher Entwicklungen.

Bien. Zuviel Optimismus hier, zuviel Pessismus da. Und in beiden Fällen zu wenig Realismus. In beiden Fällen Übertreibung, Irrtum, Illusion. Oder – wie es die alten Griechen nannten – Wahn. Das Ziel aber des guten Lebens – sagte schon der Philosoph Antistehenes – ist Freiheit vom Wahn. Es kommt beim positiven Denken also darauf an, sowohl pessimistische Übertreibungen als auch optimistische Illusionen zu vermeiden. Auf das richtige Maß, die richtige Balance kommt es an.

Balance ist für uns Gewohnheitstiere eine ständige Herausforderung. Allzu leicht legen wir uns auf Prinzipien fest und unsere Verhaltensweisen werden zu Gewohnheiten. Wir verlieren schnell die Fähigkeit, Gelerntes, „Abgesunkenes“ auf den Prüfstand zu stellen.

Positives Denken hat klare Vorteile. Es fühlt sich gut an, es erzeugt Freude, es verändert die Denkweise und es gibt Kraft, Pläne in die Tat umzusetzen. Realismus ist dabei nicht nur erlaubt, sondern zwingend erforderlich. Dazu gehört, dass negative Gedanken und Gefühle zugelassen werden. Denn die Realität ist so, dass negative Erfahrungen dazu gehören:
Appropriate negativity keeps us grounded, real, and honest.” (Barbara L. Fredrickson, Positivity, S. 159)

Unsere Freiheit und unsere Macht über die Dinge sind sehr begrenzt. Philosophen verstehen dies als Bedingung unserer Freiheit. Schriftsteller haben uns eindrucksvolle Beispiele dafür gegeben, wie dieser Umstand Begeisterung hervorruft – oder Niedergeschlagenheit.

Halten wir uns an das Positive.

Know that joy is rarer, more difficult, and more beautiful than sadness. Once you make this all-important discovery, you must embrace joy as a moral obligation.” (André Gide)

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“Bitte lächeln!” – Validation, ein Kurzfilm

February 16th, 2010

“Validation” ist ein wunderbarer Kurzfilm von Kurt Koenne, der zahlreiche Auszeichnungen erhalten hat. Er soll ein “Märchen über die Magie kostenlosen Parkens” sein – diese Beschreibung ist allerdings eine kleine poetische Irritation. Genauso irritierend ist die Hauptfigur, gespielt von TJ Thyne, der mit Freundlichkeit und Komplimenten den Alltag im Parkhaus eines Shoppingcenters durcheinanderwirbelt – bis er ein neues Foto für den Führerschein braucht, auf dem Lächeln allerdings nicht erlaubt ist …

Optimismus mit Schopenhauer

February 4th, 2010

Ausgerechnet Schopenhauer als Ratgeber für eine optimistische Sichtweise? Das scheint ein Widerspruch zu sein!

Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer ist allgemein bekannt als Pessimist. Seinen scharfsinnigen, nüchternen Schlussfolgerungen und Formulierungen zollen viele bedeutende Philosophen Respekt, doch seiner negativen Einschätzung der Wirklichkeit schließen sich nur die wenigsten an. Stattdessen der Vorwurf: Er sei ein Misanthrop, und seine Griesgrämigkeit übertrieben und unnötig. Daran ist viel wahr.

Dennoch hat uns Schopenhauer einen großen Gefallen getan. Indem er zeigte, was die größten Irrtümer auf der Suche nach dem Glück sind (Reichtum, Macht, Eitelkeit …) und einen vorgegebenen, positiven Sinn des Universums leugnete, hat er unsere Illusionen deutlich und nüchtern aufgezählt. Auf deren Verwirklichung brauchen wir uns keine realistische Hoffnung zu machen: Dass man mit Reichtum oder Ehrgeiz glücklich wird, dass es eine übergeordnete metaphysische Instanz gibt, die die Welt zum Guten eingerichtet hat und darauf achtet, dass jeder guten Seele ein friedliches und gutes Leben beschieden ist, ist offenkundig nicht wahr. Gewalt, Elend, Krankheit, Einsamkeit strafen jede rosarote Weltsicht lügen.

Dass es aber unerträglich ist, in Sack und Asche zu gehen, dass die menschliche Psyche unter einer so deprimierenden Aussicht zusammenbrechen muss, wenn es keine Mittel und Wege gibt, etwas für das Glück zu tun, das wusste auch Schopenhauer (der ja nicht die Ursache dieser Situation, wie er sie sieht, ist, sondern sie nur aufrichtig und realistisch beschrieben hat). Der Wunsch, glücklich zu sein, war Schopenhauer ganz und gar nicht fremd; er war nur ernüchtert über die Möglichkeiten, diesen Wunsch zu verwirklichen.

Den leeren metaphysischen Glücksversprechungen und den Irrtümern und Illusionen der Menschen konnte man nicht vertrauen, um zuverlässig glücklich zu werden. Vielmehr muss man seine physischen und psychischen Möglichkeiten schon realistisch einschätzen, um dahin zu kommen. Dass der Mensch dieses Glücksbedürfnis (und andere emotionale und soziale Bedürfnisse) hat, stand für Schopenhauer außer Frage. Seine psychologischen Analysen sind heute noch bemerkenswert realistisch und treffend.

Und so können wir uns heute Schopenhauers Bemerkungen ganz anders zu eigen machen. Seinen Pessimismus und die scheinbare Griesgrämigkeit brauchen wir nicht zu teilen. Sie lassen sich verstehen als eine Reaktion auf die Luftschlösser und falschen Versprechungen der Philosophen und Theologen seiner Zeit. Es gibt eine großartige Textstelle in den “Aphorismen zur Lebensweisheit” – eine der populärsten Schriften Schopenhauers – , die seine gar nicht so unfreundliche, aber realistische psychologische Sichtweise belegt und die uns zeigt, welche positiven psychischen Faktoren wichtig sind, um uns zu motivieren und Lebensfreude zu empfinden, ohne dass man sich dazu in Illusionen verlieren muss:

“Was nun aber … uns am unmittelbarsten beglückt, ist die Heiterkeit des Sinnes: denn diese gute Eigenschaft belohnt sich augenblicklich selbst. Wer eben fröhlich ist hat allemal Ursache es zu sein: nämlich eben diese, daß er es ist. Nichts kann so sehr, wie diese Eigenschaft, jedes andere Gut vollkommen ersetzen; während sie selbst durch nichts zu ersetzen ist. Einer sei, jung, schön, reich und geehrt; so fragt sich, wenn man sein Glück beurteilen will, ob er dabei heiter sei: ist er hingegen heiter, so ist es einerlei, ob er jung oder alt, gerade oder bucklig, arm oder reich sei; er ist glücklich. In früher Jugend machte ich einmal ein altes Buch auf, und da stand: »wer viel lacht ist glücklich, und wer viel weint ist unglücklich« – eine sehr einfältige Bemerkung, die ich aber, wegen ihrer einfachen Wahrheit, doch nicht habe vergessen können, so sehr sie auch der Superlativ eines Trueism’s ist. Dieserwegen also sollen wir der Heiterkeit, wenn immer sie sich einstellt, Tür und Tor öffnen: denn sie kommt nie zur unrechten Zeit; statt daß wir oft Bedenken tragen, ihr Eingang zu gestatten, indem wir erst wissen wollen, ob wir denn auch wohl in jeder Hinsicht Ursache haben, zufrieden zu sein; oder auch, weil wir fliehten, in unsern ernsthaften Überlegungen und wichtigen Sorgen dadurch gestört zu werden: allein was wir durch diese bessern, ist sehr ungewiß; hingegen ist Heiterkeit unmittelbarer Gewinn. Sie allein ist gleichsam die bare Münze des Glückes und nicht wie alles andere, bloß der Bankzettel; weil nur sie unmittelbar in der Gegenwart beglückt; weshalb sie das höchste Gut ist für Wesen, deren Wirklichkeit die Form einer unheilbaren Gegenwart zwischen zwei unendlichen Zeiten hat. Demnach sollten wir die Erwerbung und Beförderung dieses Gutes jedem andern Trachten vorsetzen.”

Um optimistisch zu sein, muss man realistisch sein. Illusionen und falsche Versprechungen sind keine wirkliche Hilfe. Ebensowenig ist ein dauernder Pessimismus von Nutzen. Er ist ebenso unrealistisch wie der überzogene Optimismus. Menschen machen sich Hoffnungen, und dazu dürfen sie sich ruhig positiv motivieren, ohne Angst zu haben, dadurch “in unseren wichtigen Sorgen gestört zu werden.” Man muss nur auf dem Boden bleiben, wozu Realismus und Optimismus am besten geeignet sind.
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